Achte Etappe


Sonntag, den 29.07.2012

Seit dem Maria sich entschieden hat, nicht mehr bei der Wanderung direkt dabei zu sein um ihren Kräftehaushalt zu schützen, bin ich sehr traurig und angespannt. Das habe ich am Samstag noch gar nicht realisiert. Dafür heute. Gemeinsam mit Maria und Harald hatte ich eine intensive und schöne Zeit verbracht. Wir haben viel gelacht und zusammen geplant und strukturiert. Ich war umsorgt und konnte mich auf meine Aufgaben konzentrieren. Es war im Rückblick um einiges leichter als jetzt. Damals hatte ich Angst als Maria sich nach vier Wochen Mitwandelzeit sich auf den Weg zu ihrer Tochter machte. Ich fragte mich, wie können wir ihre übernommenen Aufgaben abfangen und fortführen. Maria hatte neben dem Kochen auf unsere finanziellen Ressourcen beim Einkauf geachtet.Das Fahrzeug gefahren, die Teilnehmeranmeldungen und die damit einhergehenden Gelder im Überblick behalten. Sie hat die Erstkontakte vor Ort gemacht und darüber so manche Begegnungen mit den Dorfbewohnern am Abend in die Wege geleitet.

Viele ihrer Aufgaben übernehmen jetzt die Wanderer. Darüber bin ich so erleichtert und dankbar. Es geht ganz unkompliziert. Jeder übernimmt einen Teil der Aufgaben und trägt damit zur Gemeinschaft bei. Und doch habe ich meine Sorglosigkeit verloren. Die wechselnden Teilnehmer haben nicht den Überblick über unser Budget und wie wir die Lebensmittel vorausgeplant haben. Das wäre auch kaum möglich aus meiner Sicht. Und mit der von mir übernommenen Aufgabe der Finanzverwaltung, bekomme ich Einsicht in die Höhe der Gelder, die gebraucht werden. Mein Sicherheitsbedürfnis wird in diesem Fall besonders aktiv. Ich habe große Sorge, dass unser Geld nicht reichen könnte. Eine noch fehlende Übersicht macht mich ganz unruhig. Immer wieder rechne ich in Gedanken die möglichen Ausgaben hoch und runter und erschrecke jedes Mal bei den hohen Summen, die wir pro Woche brauchen.

Maria hat sehr auf die Finanzen geachtet. Dieses Wissen darüber hat mir Vertrauen und Leichtigkeit gebracht. Nun nehme ich die Verantwortung mit den Geldern zu haushalten und darauf zu achten zu mir. Das nimmt vieles meiner restlichen Kraft in Anspruch. Ich bin so in Sorge, dass ich den reich gedeckten Tisch, den ich vorher so wunderbar fand, als Bedrohung wahrnehme. Ich fange schon an, selber weniger zu essen. „Abgefahren“ denke ich, wenn ich mich selber so beobachte.

Während der Wanderung lassen mich die Gedanken in Ruhe. Der Tag mit seinen zahlreichen Eindrücken und Anforderungen nimmt mich voll in Anspruch und lenkt mich ab. Doch eine Bedrücktheit und Anspannung als Gefühl bleibt. Am Abend ist alles wieder präsent. Ich will es ansprechen und dann fehlt es an der Zeit. „Morgen“ tröste ich mich, „Morgen ist auch noch ein Tag.“ Ich fühle mich, ähnlich wie die kleine Kröte in Julias Hand heute, ängstlich und suche nach Schutz.


Montag, den 30.07.2012

Meine Unruhe von gestern ist beim ersten Augenaufschlag wieder da. Ich gehe gleich früh zur Bank und erkundige mich nach unseren Kontostand. Erleichterung. Jedoch noch nicht ausreichend. Mir ist wichtig, dass ich nach der Wanderung dem Kindeheim in Ranis eine Spende überreichen kann. Ich nehme mir vor, meine Bedenken heute im Orgateam zu benennen.

Meine Gefühle trage ich erneut den Tag über mit mir herum. Ich spüre die Last auf meinen Schultern. In meinen Rucksack, scheine ich noch mehr an Sorgen reingepackt zu haben. Gestern hatte ich ganz dicke angeschwollene Beine und Füße bekommen. Das Wasser im Gewebe, lies mich ganz schön erschrecken. Gedanken quälen mich nun, ob ich die Wanderung körperlich durchstehe. Zum Ende der Wanderung werden auch noch meine Füße schwer. Ich ersehne mir den Schlafplatz. Ich will nur noch schlafen. Ich bin müde von all den Anstrengungen, Gedanke und Sorgen. Doch noch immer haben wir nicht unser Ziel erreicht. Ich fange an zu klagen. Gut dass mir Petra zuhört und mich nörgeln lässt. Das erleichtert mich ein wenig. Erlaube mir, nach außen nicht stark sein zu müssen. Warum nicht zu diesen Gefühlen stehen? Ich spüre die Kraft der Gruppe. Sie trägt mich zum Tagesendpunkt. Endlich angekommen, stürze ich mich gleich in das Klären wollen. Ich möchte meine Sorgen vortragen und im Team darüber sprechen. Mein Thema bewertungsfrei vorzutragen, scheint nicht so geglückt. Ich bin nicht vorbereitet auf die Gefühlsäußerungen die ich auslöse damit. Selbst zu dünnheutig, kann ich keine Empathie aufbringen. Wir unterbrechen das Gespräch und setzen es nach dem Abendessen fort. Diesmal ruhiger und gesammelter. Mit Unterstützung bekomme ich auch meine Nöte besser rübergebracht. Von meinen Orgateam bekomme ich Verständnis. Wir finden gemeinsam einen Weg. Nun bin ich ruhig. Nach unserem Gespräch warten die anderen auf den Tagesabschluss: Feiern und Bedauern. Harald stimmt zur Einleitung ein Lied an.

„Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum, wenn viele gemeinsam träumen, so ist das der Beginn, der Beginn einer neuen Wirklichkeit. Träumt unsern Traum.“

Ich weine und kann kaum aufhören. Ich habe alleine begonnen zu träumen und jetzt bin ich umgeben von Menschen, die mit mir träumen. Ich spüre ihre Anwesenheit, die Verbundenheit mit mir und die damit einhergehende Fülle, den Reichtum, die Zuversicht und die Dankbarkeit. Ich bin nicht allein.


Dienstag, den 31.07.2012

Nach dem Harz, ist die Strecke einfach zu laufen. Wenn der Kolonnenweg gefunden ist, dann geht es ziemlich schnurgerade aus und es sind keinerlei Steigungen zu überwinden. Dafür ist viel Zeit und Luft für Gespräche und Singen. Unterbrochen wurde unser Laufrhythmus durch einen modrigen Kanal. Es ist die Mühlen-Ilse. Zuerst haben wir sie noch mit einem Schritt überquert. Dann aber brauchte es noch eine Überquerung, um auf den Kolonnenweg zu treffen. Jetzt genügte kein Schritt mehr. Kreative Überquerungsideen waren gefragt. Alle wichtigen Sachen, wie Rucksäcke haben wir auf die andere Seite geworfen. Einige haben sich auch eines Schuhs entledigt, sind mit einem Bein in das knietiefe Wasser gestiegen und mit dem anderen Bein an das feste Ufer getreten. Wieder andere sind gesprungen. Mich hat es ziemlich viel Überwindung gekostet, zu springen. Nicht alle haben es trockenen Fußes geschafft. Jedoch die Freude und das Gemeinschaftsergebnis standen im Vordergrund. Andere entschieden sich für den etwas weiteren Weg auf dem Radweg und sind dann doch noch über einen Verbindungsweg auf den Kolonnenweg zu uns gestoßen.

Wir sind vom Westen in den Osten gesprungen mit einem „Bachübersprung“. Beim Laufen auf den Kolonnenweg beschäftigt mich, wie anders es den flüchtenden Menschen an dieser Stelle ergangen ist. Sie werden mit Angst die Grenze überquert haben. Haben sie gewusst, dass dort dieser Kanal verläuft? Sind sie darüber gesprungen oder auch hineingestürzt? Der Lochplattenweg teilt eine Wiese. In den Löchern sprießt satt und saftig grünes Gras. Wie eine verheilte Narbe einer ehemals aufklaffenden Wunde wirkt dieser Kolonnenabschnitt auf mich.

An einem abgeernteten Getreidefeld rasten wir. Hier verbringen wir eine längere Pause. Einer unser Mitwanderer lässt es sich nicht nehmen, herrschaftlich zu speisen. Auch auf einem Feld sitzend ist es nicht ausgeschlossen vornehmlich sein Butterbrot zu verzehren. Nur James hatte in diesen Fall für heute Ausgang.

Die Nacht verbringen wir in einer besonderen Herberge. Das „Brennnessel-Cafe“ in Veltheim ist ein wahrer Geheimtipp. Nicht nur die Gemütlichkeit des Gartens, in dem wir unser Abendbrot verzehren, sondern auch das Cafe und die zwei Ferienwohnungen sind sehr liebevoll und warm eingerichtet. Wir fühlen uns alle hier sehr wohl.

Der kleine Laden mit Bioprodukten und anderem lädt zum Stöbern ein. Der für uns bereitgestellte Kuchen ist ein wahrer Hochgenuss. Die Hausbesitzerin zeigt uns noch ihre riesigen Gärten mit ihrer ganzen Vielzahl an Kräutern, Blumen, Sträuchern und Laufenten. Beeindruckend ist ihr Engagement für die Umwelt. Ihr besonderes Interesse liegt auf einem friedlichen Miteinander von Landwirtschaft und der Natur rund um die Ackergräben. Ihr Wunsch ist, dass sich die Menschen aus den Dörfern zusammenschließen und sich für ökologisches Gleichgewicht in ihrer Umgebung einsetzen.


Mittwoch, den 01.08.2012

Hier ist heute Abend was los. Ich kann kaum schreiben. Eine Freude, ein Lachen füllt den ganzen Raum aus. Ich sitze am Rechner und schmunzele mit. Das Lachen ist bis auf die Straße zu hören. Hoho hahaha, hoho hahaha. Wer es kennt ist jetzt schon im Bilde. Lachyoga steht auf dem Programm. Diesmal haben wir zwei erfahrene LachyogatrainerIn Roland und Eva-Maria dabei. Bei 19 Menschen kommt ein so großer Reichtum an Vielseitigkeit und Kompetenz zusammen. Wir bereichern uns dadurch so sehr. Es ist einfach schön. Ich bin ganz gerührt und dankbar, dass hier ein Ort entstanden ist, an dem sich die Menschen begegnen mit offenem Herzen, Freude und Neugier. Wieder einmal zieht es in meinem Herzen vor Dankbarkeit. Darüber, dass dies Projekt möglich geworden ist und ich ein Teil davon bin, mit dazu beigetragen haben und nun an der reichen Ernte teilhaben kann.

Ich danke meiner Familie, dass sie mich einen Traum haben erfüllen lassen. Ich danke den Menschen, die mich immer wieder unterstützt, gestärkt und Mut machen. Ich danke den Menschen, die mir mit ihrer Tatkraft, ihrem Wissen und Können zu Seite stehen. Ich danke den Mitwandlern, die sich mir angeschlossen haben und nun mit ihrem „Sosein“ den Reichtum bringen. Ich danke den Menschen, die sich uns offen zuwenden und neugierig nach unseren Zielen fragen und mit denen wir unser Wissen über die Gewaltfreie Kommunikation teilen können. Ich danke den Menschen, die ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit der Grenze mit uns teilen. Ich danke den Menschen, die unser Vorhaben durch Spenden, Räumlichkeiten und bodenständige Dinge bereichern. Ohne die Vielzahl an Menschen, die in irgendeiner Weise an diesem Projekt beteiligt waren und sind, wäre es nicht zu diesem Miteinanderwandeln geworden.


Donnerstag, den 02.08.2012

Nun sitzen wir nach einem erfüllten Tag am Lagerfeuer. Das Holz knackt, die Wärme umhüllt mich. Wir singen.

Ich habe Zeit, den Tag in meiner Erinnerung an mir vorbei ziehen zu lassen. Das Thema dieser Woche: „Verbindung zwischen Ost und West“ begleitet uns. Wir spüren in den Übungen unseren Vorurteilen nach, zum Beispiel „Wessi sind immer so arrogant.“ und „Ossis sind unmündig.“ Werden sie ausgesprochen ist die Wirkung im Raum fast greifbar. Werden Sie in Bedürfnisse umgewandelt, dann entsteht eine sichtbare Wandlung. Zum Beispiel ist das Urteil, dass jemand arrogant ist, häufig der Wunsch nach Anerkennung und Akzeptanz der eigenen Stärken. Hinter dem Vorwurf der Unmündigkeit kann das Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz vor Verantwortung für andere oder Leichtigkeit stehen.

Unser Weg führt uns nach Hötensleben. Ein Ort, der direkt an der Grenze liegt. Eine 2km lange Mauer hat den Ort von der Grenze abgeschirmt. Die Mauer vermittelt noch einen beklemmenden Eindruck. Auch wenn nur noch ein kleiner Teil davon steht. Sich ganz diesem Gefühl hingebend spüre ich die Enge und Bedrohung, die davon ausgeht.

Herr Walter lässt uns an zahlreichen Geschichten rund um die Grenze teilhaben. Auch wenn sich die Geschichten ähneln, die ich schon im Laufe der Zeit gehört habe, wirken sie noch immer erschreckend auf mich. Die Mauer bleibt einfach unfassbar für mich.


Freitag, den 03.08. bis Sonntag den 05.08.2012

Am Freitag teilt sich die Gruppe. Während die einzelne Wanderer nach Marienborn laufen und anschließend nach Magdeburg fahren und dort die drei Tage verbringen, fahren wir und neun weitere Pilger nach Mieste. Einführung in die Gewaltfreie Kommunikation steht für das Wochenende auf dem Plan. Diesmal sind wir in keinem Kloster sondern im Himmelreich gelandet, was dem Kloster sehr nahe kommt. Es ist ein Seminarhaus mit einer wundervoll gestalteten Umgebung. Wir haben das Gelände weitestgehend für uns allein und können uns hier ausbreiten und einfach genießen. Wir brauchen auch den Platz. Wir sind 18 Personen.

Da es ein Selbstversorgerhaus ist, können wir fei entscheiden wo wir essen. Da das Wetter wunderbar ist, können wir weitestgehend draußen unter den Bäumen sitzen und essen.

Doch nicht nur das Essen spielt sich draußen ab. Auch zu den Übungseinheiten treffen sich die Gruppen auf der Wiese.

Da das Seminar viele Eindrücke hinterlässt braucht es auch immer wieder die Ruhe und Erholungsmomente.

Zuletzt geändert am 07.08.2012 23:31 Uhr