Dritte Etappe

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Sonntag, den 24.06.2012

Eine Stunde länger Schlaf am Morgen und ich fühle mich frisch und ausgeruht. Heute sind wir nach Lempertshausen vom Pfarrer Rau zu einem Gottesdienst mit anschließendem Dorffest eingeladen wurden. Nach der Predigt sind wir an der Reihe und können ca. 120 anwesenden Menschen unser Wandervorhaben vorstellen. Ich war aufgeregt, vor so vielen Leuten zu sprechen. Ich staune über mich selber, wie ich hier an meinen Anforderungen wachse und mutiger werde.

Mit Ingeborg und Georg Seidel haben wir dort Bekanntschaft geschlossen. Sie waren interessiert und haben Fragen gestellt. Sie hatten uns angeboten, dass sie uns mit dem Auto nach Bad Rodach zurücknehmen. Dies haben wir dankend angenommen. Und aus einer Rückfahrt wurde eine Rundfahrt. Es war spannend, von ihrer Lebensgeschichte zu erfahren und von ihren Grenzerinnerungen zu hören. Eine Geschichte, die mir auch Pfarrer Rau gestern bei einer Stadtbesichtigung erzählt hatte, war mir dadurch erneut ins Bewusstsein gekommen. Die Burg Heldburg in den neuen Bundesländern hat zur Zeit der DDR gebrannt. Am 7. April 1982 beschädigte ein Großbrand den französischen Bau stark und vernichtete die gesamte Innenausstattung der Wohnräume und den großen Festsaal, da die DDR-Feuerwehren nicht genug Wasser herbeischaffen konnten. Die Bad Rodacher haben dies gesehen und sind mit ihren Löschfahrzeugen zur Grenze gefahren. Sie wollten beim Löschen helfen und wurden nicht hinein gelassen. Sie mussten mit ansehen, wie ein Teil der Burg abbrannte. Das hat sehr geschmerzt und die Ohnmacht ist noch heute als Erinnerung geblieben.

Einen Zwischenstopp haben wir auch an einer 1.000-jährigen Steineiche gemacht. Es ist einer der ältesten Bäume Deutschlands. Ihr Durchmesser ist so dick, dass wir sie zu viert nicht ganz umfassen konnten. Ihr Stamm ist hohl und damit auch ein Nistplatz für die Vögel.

Es ist schön, in die strahlenden Gesichter von Georg und Ingeborg zu schauen und zu sehen, mit welcher Freude sie uns ihre wunderschöne Landschaft zeigen. Sie möchten uns auch den Garten hinter ihrem Haus zeigen und kurze Zeit später sitzen wir in einer grünen Idylle direkt in der Stadt. Wir kosten Himbeersaft und Ingeborg zeigt uns ihre wilden Tulpen, ihre Jostabeeren und den Quittenstrauch, an dem nur eine einzige Frucht wächst. Die Jostabeere ist eine Art schwarze Johannisbeere gekreuzt mit der Stachelbeere. Sie schmecken köstlich süßsauer. Der Strauch der bei ihr im Garten wächst, ist noch aus der der damaligen DDR. Sie gibt uns noch zwei ihrer selbstgemachten Marmeladen mit und Georg bedankt sich für den netten Besuch. Er sagt: „Das ist nicht alltäglich und für uns eine Abwechslung."

Das erinnert mich an das Lied, welches wir heute nach der Predigt gesungen haben:

Wo ein Mensch Vertrauen gibt

Wo ein Mensch Vertrauen gibt, nicht nur an sich selber denkt, fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch den andern sieht, nicht nur sich und seine Welt, fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht.

Wo ein Mensch sich selbst verschenkt und den alten Weg verlässt, fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht.


Montag, den 25.06.2012

Edith Seemann, Anfang 50, hat heute unsere Wandergruppe verstärkt. Lächelnd und fröhlich winkend steigt sie aus dem Auto. Wir freuen uns alle, den Tag gemeinsam zu verbringen. Noch dazu, da Maria mit wandert. Gauerstadt, unser heutiges Ziel, liegt ganz in der Nähe. Auf direktem Weg sind es 5 km. Jedoch am Grenzstreifen entlang sind es deutlich mehr Kilometer. Der Grenzverlauf zieht sich nicht nur die Berge hoch und runter, sondern er macht zudem auch einen großen Bogen.

Unser Auto fuhr Maria nach Gauerstadt und Georg Seidel nahm sie wieder mit zurück. Es ist so wunderbar, die viele Hilfsbereitschaft von den Menschen zu erfahren. Jetzt konnten wir zu viert starten. Aus einem zügigen Weg zum Kolonnenweg wurde ein längeres Suchen. Wir hatten eine Straße aus Bad Rodach gewählt, die uns über den St. Georgenberg führte. Zu unserem Glück befindet sich dort der Aussichtsturm, die Henneberger Warte. Als wir ihn bestiegen, begann der Regen niederzuprasseln.

Die Strecke zog sich durch den Wald und an der Straße bis kurz vor Holzhausen. Dort sind wir dann auf den Plattenweg gestoßen. Diesem folgten wir bis zum geschleiften Dorf Billmuthausen. Ich war sprachlos, als ich den Friedhof betrat. Wo einst eine Kirche gestanden hatte, steht jetzt ein Denkmal. Es soll erinnern an die Geschichte einer zerstörten Heimat. Von der Kirche blieb nur noch ein Stein. Und von dem früheren Dorf mit 45 Häusern und Stallungen ist nichts mehr zu sehen.

Ich stehe da und schaue auf die wunderschönen Wiesen und den angerenzenden Waldrand. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass nach den verschiedensten Aussiedlungsaktionen alle übriggebliebenen Billmuthäuser 1977 evakuiert und ihre Anwesen zerstört wurden. Da wo einst Familien ihr Auskommen und ihr Zuhause hatten, befanden sich allein die Grenzanlagen mit Minengürtel, drei Einzäunungen, davon ein Metallgitter-Signalzaun mit Selbstschussanlagen und Wachhunden an Laufleinen. Tränen steigen in mir auf und gefühlte Antworten kommen auf Fragen wie: Was hat es für die Alteingesessenen bedeutet, alles zu verlieren? Was ist noch heute von der Fassungslosigkeit und dem Schmerz übrig?

Still ziehen wir weiter. Gauerstadt ist nicht mehr weit. Wieder haben wir Glück mit dem Regen und finden rechtzeitig einen Unterstand. Jedoch haben wir ein volles Programm und nehmen die letzten Tropfen in Kauf. Wir sind in Meeder im Friedensmuseum mit Gabriele Heller verabredet. Sie möchte uns, das in ihrer Grundschule befindliche, Museum zeigen. Während uns Gabriele einen Tee macht erzählt uns Edith ihre Geschichte am Grenzübergang.

Sie ist im frühen Herbst 1989 mit ihren Kindern und vielen anderen Menschen aus Meeder und der Umgebung nach Rottenbach an den kleinen Grenzverkehr gezogen. Alle hatten sie Bänder dabei. Die Menschen nahmen sich bei den Händen oder hielten über die Bänder eine Verbindung untereinander. Sie bildeten eine lange Kette und sie schoben sich immer weiter vor. Erst bis an die Grenze und dann über die Grenze hinaus. Dann habe sie eine Menschenkette von Eisfeld her kommen sehen. Auch dort im Osten hatten sich die Menschen an den Händen gefasst und sind auf die Grenze zugelaufen. Immer näher kamen sich die Menschen aus Ost und West – bis sie sich berührten. Selbst auf die Gefahr von den Grenzbeamten festgenommen zu werden, ließen sie sich nicht davon abbringen, sich einander zu nähern und zu verbinden.

Es ist ein voller Tag heute. Das Friedensmuseum mit seinen Zeitzeugenberichten bildet einen würdigen Abschluss. Ich kann es selbst nur weiterempfehlen, sich dort in Meeder einmal umzusehen. Mir ist dort erneut ganz deutlich bewusst geworden: wir Menschen haben mit dem Wissen darüber, was Kriege für Leid mit sich bringen auch die Verantwortung dafür zu sorgen, dass es zukünftig keine Kriege mehr geben wird. Dazu will ich beitragen, dafür will ich gehen. Auch wenn es nur kleine Schritte sind. Der ehemaliger Pfarrer in Meeder (bis 2003), Karl Eberhard Sperl, schreibt dazu: „Der Friede ist der Weg, jeder kann schon heute auf diesem Weg Schritte tun.“

Danke


Dienstag, den 26.06.2012

Begonnen hat unser Wanderstart mit einem Segen von Barbara Sonntag, der Pfarrerin von Gauerstadt. Sie hatte für uns Fußbalsam besorgt und hatte es für unsere Füße gedacht. Stattdessen bekamen wir ein Fußbalsamkreuz auf die linke Handgelenksinnenseite dazu einen Segensspruch. Maria, Harald und ich – wir haben geweint, so sehr hat diese Geste unsere Herzen berührt. Der Ort und die Menschen bleiben mir mit ihrer Zugewandtheit und ihrer Herzlichkeit in ganz besonders lieber Erinnerung. Es war ein wenig, wie nach Hause kommen und willkommen geheißen werden.

Harald und ich – wir wandern heut das erste Mal allein. Mit Harald zusammen zu sein, bedeutet Ungewöhnliches zu erleben. Und so war es auch. Viele außergewöhnliche Dinge haben wir erlebt. Aber auch ganz berührende, so z.B. in Billmuthausen. Wir sind zu dem geschleiften Dorf zurück gelaufen, um von da zum Kolonnenweg zu gelangen. Dort rastmachend, haben wir eine Frau beobachtet, die wehmutsvoll auf die Wiese schaute, wo sich einst das Dorf befand. Ich bin auf sie zu gegangen und habe sie auf die Trauer angesprochen. Sie erzählte mir von ihren Kindheitserinnerungen. Sie zeigte auf einen Brunnen, der noch gerettet worden war und sagt: „Da bin ich eingetaucht wurden, als ich in die Brennnesseln gefallen war. Wir haben auch unseren Tortenguss darin gekühlt und die Kühe haben daraus getrunken. Wir haben im Dorf so fest zusammen gehalten. Ich bin so traurig darüber. Im Dezember 1978 mussten wir fort.“ Sie zeigte auf die Fläche gegenüber dem Brunnen. „Hier stand die Scheune.“ Dabei schüttelte sie fassungslos den Kopf und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Manchmal geht es ja, wenn ich hier bin. Aber an bestimmten Tagen, will ich einfach hierher und dann nimmt es mich so mit. Meine Mutter will auch so gern noch einmal hierher. Jedoch ist sie so pflegebedürftig, dass wir sie nicht hierher bringen können. Ich darf ihr gar nicht erzählen, dass ich hier war.“ Mit gesenktem Kopf und bedächtig stieg sie in ihr Auto. Sichtlich voller Tränen fuhr sie an uns vorbei. Zurück blieben wir am Brunnen und wieder spürten wir den Schmerz der Menschen hier, die mit einem solchen Schicksal zu leben hatten. Würde ich heute noch einmal heute den Flyer für die Wanderung schreiben, dann würde ich den Schwerpunkt auf das Hören legen: dem Schmerz zuhören.

Kurios war die nächste Begebenheit. Der Kolonnenweg ging beständig hoch und hinunter. Waren wir gerade oben angekommen, konnten wir zwei eben gelegene Plattenlängen verschnaufen. Dann ging es wieder bergab. Ich signalisierte Harald, dass ich eine Pause machen möchte. Harald meinte, das geht klar. „Beim nächsten Hochsitz halten wir an“, so seine Antwort. Und just in dem Moment kommt der erwünschte Hochsitz. Harald klettert als erstes hinauf und sieht auf der Sitzplatte einen Text auf das Holz geschrieben: An den Hochsitzbesitzer. Ich danke für die schöne Sitzgelegenheit. Ich bin hier genau vor 40 Jahren geflohen, am 06.11.1970. Bitte rufen sie mich an unter folgender Nummer… an. Aschaffenburg. Harald verstummte, dann kam ein „ach“. „Anja, das ist mein Geburtstag. Vor genau vierzig Jahren, war ich 30. Als er erneut hier war, bin ich 70 Jahre geworden. Ich rufe sofort an.“ Leider war die Nummer nicht mehr vergeben. Doch Harald will versuchen, den Menschen ausfindig zu machen.

Dann sind wir heute noch getrampt. Nicht weil die Strecke lang war. Auf dem Kolonnenweg zu trampen ist einfach kaum möglich, da ja keine Fahrzeuge darauf groß unterwegs sind. Doch wird hier in der Nähe eine Straße gebaut. Und so hält Harald seinen Daumen raus und der LKW Fahrer nimmt uns ein Stück mit. Nun geht es für den nächsten Kilometer auf der Piste im Fahrzeug, für uns ungewöhnlich schnell, die Hügel hoch und runter.

Angekommen und ganz herzlich willkommen geheißen sind wir nach 18km in Gemünda. Auf Bio-Karl haben wir uns schon die ganze Zeit gefreut. Nun sind wir da. Der Pfarrer und der Gemünda Chor kommen am Abend vorbei und singen uns und mit uns Lieder. Es ist ein schöner und geselliger Abend, den ich am Lagerfeuer ausklingen lasse.


Mittwoch, den 27.06.2012

Der Abschied von Bio-Karl in Gemünda viel mir sehr schwer. Doch irgendwie hatte ich den Eindruck: wir sehen uns bald wieder. Karl habe ich als einen Menschen kennengelernt, der sehr viel gibt und alles was er hat, gerne mit anderen teilt. Wenn ich ein Beispiel für herzensgut zu finden hätte, dann wäre es für mich Karl. Und die Begegnungen mit ganz besonderen Menschen sind zahlreich. Ich lerne so viel an Gemeinschaft, liebevoller Zuwendung, Offenheit und Unterstützung kennen. Ich bin ganz dankbar dafür, manchmal auch zu Tränen gerührt. So auch heute durch diese Email, die mich erreicht hat.

„Liebe Anja,

ich (…) möchte mich bedanken für das Reisetagebuch, ich lese alle paar Tage darin und es berührt mich sehr! Und es schafft unbekannterweise Verbindung: zu den mitwandernden Menschen, den Schicksalen an der Grenze und zur Geschichte, die letztendlich auch mich geprägt hat, wenn auch mein persönliches Schicksal nicht direkt damit verknüpft ist!

Außerdem hat mich sehr beeindruckt, was alles möglich ist, wenn eine Person einen Traum hat und ihr Ziel verfolgt und dann auch umsetzt, egal wie unglaublich die Idee erst erschien! Das macht mir Mut, meine eigenen Träume und Ziele weiterzuverfolgen. Herzlichen Dank dafür!

Ich wünsche für die weiteren Tage und Etappen alles Gute und weiterhin viele interessierte und hilfsbereite Menschen!

Ganz herzliche Grüße aus dem Süden“

Ich habe Harald diese Email vorgelesen und er hat mir ein Lied mit folgendem Text dazu vorgesungen:

Wenn eine(r) alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist es der Beginn, der Beginn einer neuen Wirklichkeit. Träumt unseren Traum!

Wenn das auf diesem Weg so weiter geht, dann bin ich am Ende meiner Reise emotional ganz durcheinander gewirbelt. So viele Gefühle auf einmal. So viel innere Dankbarkeit, Glück und Zuversicht in dieser Fülle und Intensität ist einfach überwältigend.

Diese Gefühle von Dankbarkeit und Demut sind sehr intensiv. Gerade heute der Tag und die Begegnungen haben sie wieder ganz stark ausgelöst.

So wie dieser Morgen auch. Wir wurden von Hermann Gossenberger aus Gemünda zu einem von außen unscheinbaren Haus an der heiligen Leite geführt. Es ist eine Kapelle. Er hatte sich mit diesem Bau einen Traum erfüllt, der auf einer Pilgerreise entstanden ist. Als ich die Kapelle betreten hatte, war ich erstaunt über die Wirkung von dem Licht welche sich in dieser ausbreitete und von der Schlichtheit. Eine sofortige Ruhe stieg in mir auf. Die Akustik lud geradezu zum Singen ein. Auf einer Tafel stand am Ausgang:

Ich danke Dir Hermann für das Teilen Deiner Träume mit uns, Danke für dieses Erlebnis und diese Begegnung.


Donnerstag, den 28.06.2012

Dieser Tag bestand aus lauter Fügungen. Deutlich ist mir dies am Mittag aufgefallen. Hans Schätzlein und Maria sind heute ein Stück mitgewandert. Beide wollten sich unterwegs von Annemarie Schätzlein abholen und zurück fahren lassen. Doch Annemarie hörte das Telefon nicht. Was nun? Seit einer viertel Stunde hatten wir Rast gemacht an einem Picknickplatz neben der Straße. Birgit, die heute unser Tagesgast ist, war erstaunt: „Überhaupt kein Verkehr hier.“ Doch nachdem Maria Annemarie immer noch nicht erreicht hatte, meinte Birgit: „Dann trampt halt zurück.“ In dem Moment kam ein Auto mit Berliner Kennzeichen. Es fuhr immer langsamer und hielt bei uns an. Der Fahrer kam wie wir aus Richtung Zimmerau und trotzdem war er bereit, noch zu wenden und beide zurück zu bringen.

Dann, steiler Anstieg. 30 Grad im Schatten und wir liefen schon seit einer Stunde in der Sonne. Schnaufend kamen wir den Berg hoch. Atemberaubende Aussicht auf der Kuppe. Wir stellten gerade fest: hier oben braucht es eine Bank. Und unser Wunsch war noch nicht verhallt, als ein Auto mit Anhänger den Berg von der anderen Seite den steilen Kolonnenweg hochrumpelte. Was hatte er geladen? Gartenbänke und Tische. Wir waren sprachlos. Von Johannes, übrigens ein alter Freund von Birgit, bekamen wir auch noch Getränke. Später stellte sich heraus, dass dies sehr wichtig war. Unsere Vorräte waren bei dieser Hitze schnell aufgebraucht. Kurios war zudem, dass wir seit dem Beginn der Wanderung vor neunzehn Tagen auf dem Kolonnenweg bis auf den Sandlaster und den Jeep vom Jäger keinerlei Fahrzeuge gesehen hatten.

Fast schon euphorisch gingen wir weiter. In einer halben Stunde hatten wir einen Pressetermin. Doch auch auf diesem Streckenabschnitt brauchten wir einen Engel. Johannes übernahm erneut diese Rolle. Auch wenn er selber meinte: „Ich bin eher ein Bengel.“ Das „B“ ist da scheinbar verloren gegangen. Denn genau in diesem Moment, als ein Mitwanderer und ich bemerkten, dass wir Harald und Birgit verloren hatten, kam Johannes angefahren. Er hatte auf dem Weg Harald getroffen und beide sind noch mal kurz ins Gespräch gekommen. Nur dadurch ist aufgefallen, dass wir nicht mehr hinter Harald waren. Johannes hatte uns gefunden und zurück zur Gruppe gefahren. Ohne ihn hätten wir den Pressetermin nicht mehr halten können. Und wer wartete noch an diesem Punkt? Unser Berliner aus der Mittagspause. Ich war sprachlos über so viel Fügung.

Doch der Tag war noch nicht zu Ende und brachte uns erneut Hilfe. Die Strecke war sehr weit und wir waren schon 20km unterwegs. Wir stellten fest, dass wir den Termin um 18 Uhr in Irmelshausen nicht schaffen konnten. Wir vermuteten noch mindestens sechs Kilometer, die zu bewältigen waren. Zudem war uns der Weg nicht ganz klar, als erneut auf einem einsamen Wanderweg inmitten von Wiesen und Feldern ein Auto kam und anhielt. Er zeigte uns den Weg, dann bot er uns an, uns ein Stück mitzunehmen und als wir im Auto saßen entschied er sich, uns nach Irmelshausen zu bringen. Mit dem Glockenschlag Punkt sechs kamen wir an. Das Treffen, mit den von der Pfarrerin eingeladenen Zeitzeugen, brauchte nicht abgesagt zu werden.

Nur mein Wunsch, dass Deutschland ins Finale einzieht, ist nicht in Erfüllung gegangen. Das war gestern, nach einem erfüllenden Vortrag in die Gewaltfreie Kommunikation in der Kita von Irmelshausen, sehr bitter und ließ mich wehmütig auf meiner Matratze einschlafen.


Freitag, den 29.06.2012

Beim Abschied von Frau Pfarrerin Hofmann-Landgraf und dem Ort Irmelshausen lese ich im Garten des Gemeindehauses noch Folgendes: "Einen Weg mit anderen zu gehen, gibt Kraft und Mut. Dennoch muss jeder seinen eigenen, unverwechselbaren Weg gehen - verbunden mit anderen, aber auch allein." Ja, so ist das, denke ich anerkennend.

Heute starten wir mit zwei Tagesgästen. Birgit ist nach dem gestrigen Tag erneut dabei und zu dem auch Günther. Er berichtet uns von seinem „illegalen“ Grenzübertritt als Elfjähriger. Anfang der Fünfzigerjahre gab es noch keinen durchgängigen Zaun und Minengürtel; die Grenze wurde lediglich von Soldaten bewacht. Als Günther auf einer grenznahen Wiese beim Aufstellen von Heugarben immer dichter an die Grenze kam, beschloss er kurzerhand, seine Tante im Westen zu besuchen. Er lief hinüber, absolvierte den Besuch und wurde natürlich von den Verwandten anschließend wieder über die Grenze zu seinen Eltern geschickt. Beim Passieren des Grenzstreifens von West nach Ost wurde er von Grenzsoldaten aufgegriffen und zum Verhör mitgenommen. Stundenlang wurde der Elfjährige nach den Gründen befragt und auch seine Eltern wurden verhört. Dass allein die Sehnsucht eines Kindes nach seiner Lieblingstante der Grund sein sollte, wurde nicht geglaubt.

Von ihrer Flucht über die Grenze in den Westen im Sommer 1989 kurz vor der Grenzöffnung berichtete uns gestern Abend Kerstin. Die Geschichte kommt mir heute in Erinnerung, als wir eine breite Wiese überqueren, um einen alten Grenzturm zu besichtigen. Kerstin lebte mit ihrem Mann und ihrem Sohn innerhalb der Sperrzone – der Bereich von 5 Kilometern bis zur Grenze. Sie beschlossen, mit dem Vierjährigen und einem befreundeten Paar das Land zu verlassen. Dazu bauten Sie ein Leitergestell für ihren Trabbi, fuhren damit nachts zu einem genau vorbestimmten Zeitpunkt an den Grenzzaun heran. Der Minengürtel war in diesem Jahr aufgrund der UN-Landminenabkommen bereits geräumt. Ein Restrisiko bestand immer noch in nicht gefundenen und in der Erde verbliebenen Minen. Die gibt es übrigens auch heute im Jahr 2012 noch. Und natürlich war es ein hohes Risiko, den 3 Meter hohen Signalzaun zu überwinden, denn bei Berührung löst er Alarm aus. Vom Leitergerüst auf dem Trabbi mussten sie also über die stacheldrahtbewehrte Y-Konstruktion des Signalzaunes springen ohne ihn zu berühren – mit einem Vierjährigen. Und mit einer weiteren Leiter, denn auf der Westseite der Grenze wartete nochmals ein Zaun, den es zu überwinden galt. Nach dem Sprung konnte das Paar und die Freunde nur noch rennen, zumal der Sprung ihrer Freundin nicht ganz geglückt ist. Mit der Leiter und dem Vierjährigen an der Hand – um die 500 Meter breite Schneise zu überqueren, bevor die Scheinwerfer, die Hunde oder die Grenzsoldaten die Flucht stoppen konnten. Der Schießbefehl auf Flüchtende galt noch. Unter diesen Bedingungen sind 500 Meter eine Ewigkeit, sagt Kerstin. Die Familie schafft die Flucht und Kerstin sagt heute in Anbetracht der damaligen Angst und des hohen Risikos, dass sie nicht geflohen wären, wenn sie von der baldigen Grenzöffnung gewusst hätten.


Samstag, den 30.06.2012

Bei wunderbar warmem Wetter frühstückten wir gemütlich draußen im Garten. Wir haben zwei Ausruhtage vor uns, die wir in einer Ferienwohnung in Eußenhausen, einem kleinen Örtchen nahe der Grenze, verbringen.

Für den heutigen Tag waren wir in Berkach zum Richtfest eines ehemaligen Austraghaus eingeladen. Singh Khalsa, erster Vorsitzender des Vereins Franco-Judaicum, setzt sich ein, dass das erhaltene bauliche Erbe der früheren jüdischen Gemeinde erhalten bleibt und die ehemalige jüdische Kultur im Dorf nicht in Vergessenheit gerät. Er möchte durch den Wiederaufbau des fränkischen Hofensembles einen Ort schaffen, der offen ist für Begegnung zwischen allen religiösen Kulturen. Er ist ein Visionär und mit seinen 69 Jahren lebendig und tatkräftig. Den Menschen, denen ich dort auf dem Fest begegnet bin, sind von Singh und seinem Projekt fasziniert und tragen mit Freude dazu bei, dass sich sein Wunsch erfüllen kann.

Harald spielte auf dem Fest in der Synagoge auf einem alten Harmonium und sang ein Stück eines israelitischen Berkachers, Hermann Ehrlich, in hebräischer Sprache. Es war beeindruckend, in einer Synagoge in eine mir unbekannte Sprache und Sprachmelodie einzutauchen. Ganz im Gegensatz dazu, empfand ich Lindas Musik. Linda hatte ihr Akkordeon mitgebracht. Sie spielte und sang Roma- und russische Lieder. Diese melancholischen Melodien, in denen nicht nur die Wehmut sondern auch das Fröhliche und Lebendige steckt haben dazu geführt, dass ich innerlich ankam und mich geborgen fühlte an diesem idyllischen Ort. Ich habe noch jetzt, wo ich schreibe, Lindas Augen vor mir. Sie waren so voller Ausdrucksstärke und Wärme. Es war ein pures Vergnügen, ihr zuzusehen und mit ihrer Begeisterung für die Musik mitzugehen.

Zuletzt geändert am 03.07.2012 14:01 Uhr