Elfte Etappe


Montag, den 20.08.2012

Wir verlassen heute Morgen das Sachahaus in Wustrow. Es war einer der idyllischsten Orte, die ich je gesehen habe. Wir hatten das Glück, den Sonntag bei größter Hitze dort zu verbringen. Ausruhen, Muße finden, abends mit einem Singkreis am Lagerfeuer Friedenslieder singen. Es ist eine Lebensgemeinschaft, die bald Jung und Alt beherbergt. Bhavana, eine Mitbegründerin der Lebensgemeinschaft, hat uns mit einem leckeren Essen am Samstag begrüßt und von der Entstehung des Ortes und der Gemeinschaft berichtet. Die angestrebte Balance zwischen persönlichen Rückzugsort und Platz für Gemeinschaft mit Austausch und spirituellen und politischen Aktionen, hat mich sehr beeindruckt. In einem der renovierten Fachwerkhäuser befindet sich auch ein Meditationsraum. In diesem finden regelmäßige Kursangebote, z.B. Yoga, Singen, Trommeln statt. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag wird zu dem eine Morgenmeditation angeleitet. Zu dieser ist jeder Außenstehende herzlich willkommen. Platz geben sie dem Volksfest für artgerechte Tierhaltung, „IGIT“ (Initiative gegen industrielle Tierhaltung). Menschen zu erleben, die sich politisch einsetzen und nicht mehr alles aus der Wirtschaft so hinnehmen, macht Mut. Es stärkt meine Zuversicht, dass eine lebenswertere Welt gestaltet wird, in der die Bedürfnisse aller Lebewesen berücksichtigt werden.

Endlich wieder Kolonnenweg. Ich freue mich sehr darüber auch wenn uns das drohende Gewitter verfolgt. Um der großen Hitze und dem Gewitter auszuweichen, laufen wir um sieben Uhr los. Es ist ein wunderbares Gefühl, so zeitig unterwegs zu sein. Ich genieße die Landschaft, die Tiere und freue mich, dass wir die Unterkunft trockenen Fußes erreicht haben.

Der Esel und der Hund haben den Plattenweg bewältigt und unser Tempo durchgehalten. Beide sind geschafft und haben sich eine Pause verdient. Harald hat sich gleich mit angeschlossen.


Dienstag, den 21.08.2012

In dieser Woche bekommt „das innere Kind“ einen besonderen Raum. Und heute konnte sich meines austoben. Arendsee ist unser Ziel. Unsere Gruppe teilt sich in vier Teile auf. Die ersten gehen mit Esel und Hund um sechs Uhr los, um der Wärme zu entgehen, den langen Weg zu meistern und den frühmorgendlichen Reiz auszukosten. Der zweite Trupp startet um kurz vor acht, der dritte Teil fährt die Autos vor und kommt uns auf dem Grenzweg entgegen gelaufen und Kerstin mit ihrem Sohn fährt nach Hause. Dadurch, dass unsere Autos an der Straße nach Arendsee stehen, fahren wir die letzten acht Kilometer in die Stadt. So kommen wir nach 12 Kilometern Kolonnenweg und kurzer Fahrt sehr früh am Tag bei Karin und ihren Eltern, Ernst und Doris an. Beide wohnen in der Nähe vom See in zwei Häusern nebeneinander. Wir werden so herzlich begrüßt und zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Ich bin ganz berührt und so freudig darüber. Ich stehe seit vier Wochen wieder in einer richtigen Wohnung. Und wir alle bekommen ein Bett und wir werden bekocht und unsere Wäsche wird gewaschen. Und alles mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit und Fürsorge. Und dann spüre ich da so viel Offenheit und Neugierde. Ich habe das Gefühl, schon ganz lange mit diesen Menschen hier vertraut zu sein. Ich mag sie, noch bevor ich sie näher kenne. Mir fehlen die Worte, um dies alles zu beschreiben. Auch Ella Doro mit ihren vier Jahren begrüßt uns und nach kurzer Zeit hat sie so viel Vertrauen zu mir, dass sie mit mir gemeinsam die Zähne putzt.

Wir teilen nicht nur die Zahnpflege sondern auch die Freude am Trampolinspringen und Schwimmen. Mit Fahrrädern machen wir uns auf den Weg zum See. Baden mit anschließendem Singen in der Klosterkirche und dann Pressetermin. Ich lebe. Ich genieße den Fahrtwind, die Freiheit, die berauschend andere Geschwindigkeit, den Weg entlang des Sees. Das Leben ist schön. Meine „Kleine“ und ich fühlen uns geborgen in diesem Ort und ganz lebendig.

Nach einem leckeren Abendessen auf der Terrasse von Ernst und Doris schwingen wir uns erneut auf die Räder. Das Leben ist leicht. Gelassen und beschwingt fahren wir zum Gemeindeabend. So viele Leute kommen. Wir sind eine große Runde und unser Projekt und die Gewaltfreie Kommunikation sind Thema des Abends.

Das Leben ist beglückend. Es stoßen überraschen zwei neue Mitwanderer zu uns. Heike, Bertram und Birgit sind wieder da. Und morgen werden uns noch drei Leute aus Arendsee ein Stück begleiten. Mit dabei ist Irmela Güde, unsere wohl älteste Teilnehmerin mit 79 Jahren. Dann begrüßen wir noch Sabine und Michael. Sabine ist blind und ihr Mann wird sie führen. Das Leben ist ermutigend.


Mittwoch, den 22.08.2012

Unsere erste Station führt uns an die Wirlspitze. Jürgen Stark vom BUND führt uns ein Stück am ehemaligen Todesstreifen entlang. Dabei erzählt er lebendig und mit leuchtenden Augen über die besonderen Pflanzen, die dort auf dem kargen sandigen Boden wachsen, und über seine Arbeit vor Ort. Sein Wunsch ist, die Natur und Artenvielfalt im ehemaligen Sperrbereich zu erhalten und gleichzeitig die Grenze und die Grenzanlangen für die Wanderer erlebbar zu machen.

Er beschreibt seine Mühe das Grüne Band als einen Schutzstreifen für die Pflanzen und Tiere zu erhalten. Die Politiker loben sein Engagement und befürworten auch seine Arbeit. Doch die zugesagte Unterstützung ist dann schnell vergessen. Auch sieht er, dass in vielen Gemeinden der Kolonnenweg nicht erhalten wird. Er wächst zu, oder die Platten werden herausgerissen. Sein großes Bedauern darüber ist unverkennbar. Er wünscht sich Mitstreiter, Menschen die sich für die Grenzlandschaft begeistern können und sich mit ihm gemeinsam stark machen. Nur so kann das Grüne Band in seiner Vielfalt und seiner Schönheit erhalten werden. Mich berührt seine Vision und ich teile nach über 1000km Grenzweg seinen Wunsch. Und er erreicht nicht nur mich, sondern auch die Mitwanderer, die heute den Weg mit mir gehen.


Donnerstag, den 23.08.2012

Heute haben wir den dritten Gemeindeabend hintereinander. Und es ist wieder ein schöner Abend geworden. Wie sich heraus stellte, wussten die drei Frauen aus der Bibelgruppe genauso wenig konkret Bescheid über das Treffen mit uns wie wir vorbereitet waren, dass wir empfangen und mit einem Abendbrot beschenkt werden. Gemeinsam haben wir schnell den Tisch gedeckt und uns zu einem gemütlichen Essen mit anschließendem Singen zusammengefunden. Die Begegnung war so leicht, entspannend und fröhlich und stand so ganz entgegengesetzt zu meinem erlebten Tag. Barbara ist für vier Tage zu einer Tagung unterwegs. Nun bin ich das erste Mal ohne das Team im Hintergrund unterwegs. Ich bin dauerangespannt. Wird alles klappen? Kommen wir trotz langer Strecke rechtzeitig an? Klappt das mit dem Auto holen? Was ist, wenn wir morgen keinen Fahrer finden? Horrorszenarien geistern mir durch den Kopf.

Die wunderschöne Landschaft nehme ich nur punktuell in mich auf. Immer wieder verspüre ich ein Bedauern, nicht verweilen zu können. Aber die Muße dazu stellt sich nicht ein. Ich hetze weiter. Ich will Birgit unterstützen, so gut ich es kann. Birgit hatte sich bereiterklärt, den Job von Barbara zu übernehmen. Ich bin sehr dankbar, sie an meiner Seite zu wissen. Ob sie jedoch mit diesem Job so glücklich ist? Es ist herausfordernd, die Tagesorganisation der Herbergen im Blick zu behalten. Gerade heute zeigt sich, dass es viel Vertrauen in den Prozess braucht. Vorher abgesprochene Regelungen brauchten so manches Mal Anpassung und spontane Veränderungen. Der Abend hat es uns wieder einmal gelehrt. Wir sind von einem freien Tagesende ausgegangen und haben innerhalb von einer halben Stunden drei Versionen erhalten, wie die Abendgestaltung angedacht sei. Dazu kam, dass wir müde und erschöpft vom Tag waren. Beruhigend war, dass wir ganz herzliche und spontane Menschen angetroffen haben. Über die Umstände der Begegnung konnten wir beim Essen herzhaft lachen. Alles wird so kommen, wie es gerade richtig ist. Ernas Schlusswort zu dem Abend passt jetzt prima: „Vertraue und Gott wird Dir helfen.“


Freitag, den 24.08.2012

ohne Worte an diesem Tag


Samstag, den 25.08.2012

Wir verabschieden uns heute von der Wandergruppe, die für 14 Tage durch das Wendland pilgert. Eine Wandergruppe „UNICORNCAMP“, die neben dem Wandern viel singt tanzt und meditiert. Es war ein besonderes Treffen, denn unsere Gruppe macht im Wendland in gleichen Orten Station. Und in Glienitz sind wir am gleichen Tag am gleichen Ort. Es ist, als sollte dies so sein. Und es waren ganz besondere Begegnungen und Erfahrungen für jeden unserer Teilnehmer. Besonders der Abschied heute Morgen war berührend. Die Zeit rannte wieder einmal und wir wollten uns von der anderen Gruppe verabschieden. Die Wandergruppe zog heute nach Gorleben. Sie wollten in einer Aktion deutlich machen, dass sie mit dem Endlager nicht einverstanden sind. Gleichzeitig gab es auch in unserer Gruppe Teilnehmer zu verabschieden. Ich war mir unsicher, wie wir beides schaffen könnten, ohne zu hetzen. Ich blieb in meinem Vertrauen, dass es einen Weg für einen Dank und letzten Gruß geben würde. Vielleicht nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Und dann waren wir fertig. Es war still und ich nahm an, dass schon keiner mehr von den Wanderern der anderen Gruppe da wären. Monika meinte: „Lass uns schnell an die Straße gehen, vielleicht sehen wir sie ja noch.“ Wir rannte vor und siehe, sie liefen gerade schweigen los. Unsere Gruppe stand auf der Straße und wir sangen gemeinsam das Lied:

„Auch eine Reise mit 1000 Meilen, fängt mit dem ersten Schritt an. Vertraue und gehe, vertraue und gehe, vertraue und gehe, vertraue und gehe.“

Die Idee entstand einfach und auch Gerlind, die uns gekochte Eiern vorbeibringt und für heute mitgehen will singt mit uns. Wir sangen das Lied immer wieder, solange bis alle 30 Teilnehmer an uns vorüber gezogen waren. Sie gehen auch für uns und setzen sich ein für eine Welt ohne Atomstrom und ohne Endlager. Habt Dank dafür.

Zuletzt geändert am 28.08.2012 23:03 Uhr