Erste Etappe

Samstag, 09.06.2012

"Begegnung ist wie Brot, dass satt macht." Elke Geißler

Startpunkt des 1400km langen Wanderweges ist die Kirche in Regnitzlosau. Es war aufregend, all die Menschen kennenzulernen, die sich mir auf der ersten Etappe anschließen wollten und die ich bisher nur vom Namen kennengelernt habe. In der Kirche haben wir uns verabschiedet und uns den Reisesegen geben lassen. Zahlreiche Kinder und Erzieher und die Heimleiterin, Sandra Berger, sind gekommen und uns eine gute Reise zu wünschen. Auch vier Franziskanerinnen/Tertianer (Heike, Martina, Brigitte, Manuela und Hund Shiela) von der Bruderschaft der Menschheit waren mit dabei. Sie hatten sich kurzer Hand entschlossen, uns einen kleinen Teil der Tagesstrecke zu begleiten. Es war sehr bewegend und nicht nur ich hatte Tränen in den Augen. Wir haben gemeinsam in der Kirche gesungen, gedankt und vom Pilgerbrot, was uns Maria gebacken hatte, gekostet.

Die Überraschungen hörten zu unserer Freude nicht auf. Erika war mit ihrem Auto gekommen. Da sie in dem Auto schlafen will, läuft sie die Hälfte der Tagesstrecke mit uns und geht dann zurück zu ihrem Auto. Sie hatte uns angeboten, unser Gepäck zu transportieren. Was war das für eine Erleichterung.

Um 10 Uhr sind wir dann losgewandert. Unser erster Halt war am Dreiländereck. Der Imker Hartmut Höra hat uns dorthin begleitet und von seinen Erfahrungen an der Grenze berichtet. Er sagte: "Ich freue mich, dass die Grenze weg ist und die Gegend jetzt zu so einem friedlichen Ort geworden ist." Bewegt hat er geschildert, dass es vor allem für seine Eltern schwer war, dass die Familie durch die Grenze getrennt worden war. "Ich konnte mit dem Fernglas in das Dorf schauen. Wir hatten uns zugewunken, jedoch das Besuchen war nur noch unter ganz erschwerten Bedingungen möglich. Es gab eine mindestens sechswöchige Anmeldezeit für Besucher aus dem Westen. Und sehen konnten wir uns dann nur außerhalb vom Sperrgebiet."

Fröhlich und singend (Harald spielte auf seiner Flöte) zogen wir vom Dreiländereck weiter. Das erste Mal erwartete uns der Kolonnenweg. Es war ein wunderschöner Weg. Die Lärchen sangen in der Luft und die Lupinen blühten zu Hauf auf wunschönen Wiesen. Nach einer kurzen Regendusche kamen wir 14 Uhr in Pressig an. Maria hat uns ein Mittagsmahl mit frischem Brot und Salat gezaubert. Und zudem hat sie Herrn Schwab getroffen, der für uns das Gemeindehaus (Dreiländereckhaus) zur Verfügung gestellt hat, damit wir im Trockenen speisen konnten.

Gestärkt hatten wir uns aufgemacht in Richtung Sachsgrün, unserem Tagesziel. Die Kirchenvorsteherin, Elke Geißler, und Mitglieder aus der Gemeinde hatten uns mit Kaffe und Kuchen willkommen geheißen. Nachdem ich mir die erste Blase an der Fußsohle gelaufen hatte war ich froh und dankbar, so herzlich begrüßt und umsorgt zu werden. Ganz schnell waren wir beim "Du" und haben Geschichten ausgetauscht und Lieder gesungen. Elke hat von ihrer Arbeit berichtet und mir war ganz schnell klar, mit wieviel Liebe und Engagement sie sich in ihre Arbeit kniet. Sie selber sagte, dass sie möchte, dass die Kirche genutzt wird und nach der vielen Mühe der Restaurierung auch lebt.

Eine kleine gemeinsam gestaltete Andacht war für mich ein besonderer Tagesabschluss. Der innere Dank, für all die Menschen, die mich bis hierher auf meinem Weg begleitet haben, hatte mich tief bewegt und innerlich ganz still werden lassen. Ich konnte fühlen, dass es etwas ganz besonderes ist, was ich hier auf der Wanderung erleben kann.

Der Grillabend hat mich dann erneut belebt. Zu dem die Aussicht, dass wir nicht auf Isomatten zu schlafen brauchten. Wir kamen in den Genuss, bei unseren Gasteltern zu campieren und auf Matratzen auszuruhen. Das versprach eine Erholung für die noch immer müden Beine.


Sonntag, 10.06.2012

Heute Morgen sind wir mit einem Sonntagsfrühstück in Sachsgrün wie liebe Freunde verabschiedet worden. Es war erstaunlich für mich, wie schnell eine so vertraute Atmosphäre entstanden ist. Singend sind wir losgezogen. Obwohl es bewölkt war, spürte ich, wie die Sonne durch die Wolken mich wärmte. Die Felder und Wiesen breiteten sich in einem zarten Grün vor uns aus. Es war ein erhebendes Gefühl. Weit konnte der Blick schweifen. Und besonders romantisch war der Rastplatz unter einer alten und großen Eiche an einem Seerosenteich. Und Otto, unser jüngstes Wandermitglied, der sich mit seinen zweieinhalb Jahren nackig auszog um seine Füße im Wasser zu baden, bereicherte das entspannte und idyllische Bild mit seiner kindlichen Natürlichkeit. Auch die Gespräche unter den Pilgern haben mich berührt. An ein Thema erinnere ich mich besonders. Livia, geboren in Westberlin, erzählte von ihrem Vater und seinem Engagement für die Erarbeitung eines gemeinsamen neudeutschen Staates und seiner Verfassung in der Zeit zwischen dem 3. Oktober und 9. November 1989. Um Bärbel Bolhey scharten sich damals Menschen aus Ost und West, um gemeinsam über den Erhalt von funktionierenden sozialen Strukturen beider Seiten nachzudenken. Livia und auch andere Wanderer die aus den alten Bundesländern kommen, teilen das Bedauern, dass der Vereinigung Deutschlands nicht mehr Zeit gewidmet wurde. Ich habe es als sehr wertschätzend erlebt, zu hören, dass es Menschen aus dem Westen gibt, die viele soziale Strukturen als sehr hilfreich und erhaltenswert angesehen haben. Und die sich dafür eingesetzt haben, dass die Errungenschaften aus dem Osten und dem Westen zusammenfließen und sich gegenseitig befruchten.


Montag, den 11.06.2012

Heute hatten wir nur eine kurze Etappe, von ca. 9km zu bewältigen. Um viertel nach neun sind wir losgezogen und haben fünf Minuten später die erste Pause am Bäckerauto gemacht. Mit einem Lied haben wir uns verabschiedet und uns auf den den heutigen Weg gemacht. Er hat uns nach Mödlareuth geführt. Das Deutsch-Deutsche Museum auch als Little Berlin bekannt, hat uns Mitwandler bewegt und einige schmerzlich an die eigene Geschichte erinnert. Tränen sind geflossen und Wunden sichtbar geworden. Eine Mitwanderin hat ihre Erfahrungen zum Grenzmuseum heute wie folgt beschrieben: "Ich empfand die historischen Bilderaufnahmen der Grenze besonders beeindruckend. Dadurch sind meine Kindheitserinnerungen an die Grenze wieder lebendig geworden, in all ihren Facetten und Vielschichtigkeiten. Die Grenze in Mödlareuth ist für mich ein Symbol wie schwer es ist, eigene Grenzen zu überwinden. Und doch ist es nicht unmöglich. Dies wird für mich unterstrichen durch die heutige Idylle des Dorfes, die entgegengesetzt steht zu den früheren Mauerbildern. Es blühen viele verschiedene Blumen dort wo einst die Mauer stand, die Wiesen duften und ein Bach schlängelt sich an den erhaltenen Mauerresten entlang."

Weiter ging es dann von dort nach Gefell. Es war ein besonderer Weg durch den Wald. Auf dem Weg wuchs grünes, ganz langes Gras und Blaubeerensträucher säumten den Weg. Es war wie im Märchewald. Es war hilfreich, mit einem Kompass ausgestattet zu sein. Dieser führte uns aus den Wald auf den Weg in das Dorf. Dort sind wir von Maria, die uns ganz wohlschmeckendes Bioessen zubereitet, erwartet worden.

Obwohl der Weg diemal nicht weit war, so waren wir doch dankbar, angekommen zu sein. Angekündigt als Jugendgruppe waren die Gemeindemitglieder doch ganz überrascht über unser Durchschnittsalter von 40 Jahren, wobei Otto, unser jüngstes Mitglied, den Altersdurchschnitt stark nach unten gesenkt hatte. Gemeinsam haben wir einen gemütlichen Abend zusammen verbracht und Sebastian hat überlegt, vielleicht mit dem Gefäller Posaunenchor an die Grenze zu kommen, um gemeinsam mit Harald an der Orgel Musik zu machen.


Dienstag, der 12.06.2012

Meine Erkenntnis des Tages: Wenn ich bemerke, dass Ereignisse, so wie sie passiert sind, nicht meinen Bedürfnissen gerecht werden, so kann ich das doch feiern. Wieso? Weil ich überlegen kann, was ich brauche und was ich beim nächsten Mal anders machen will. Ich habe die Möglichkeit, zu korrigieren und zu verändern, um dann erneut meine neu gewählten Strategien zu überprüfen und zu hinterfragen. Wenn etwas nicht so gelingt, wie ich es mir wünsche, ist es kein Scheitern meinerseits. Es ist ein Erkennen. Z.B. war ich heute Morgen unzufrieden und habe mir mehr Ruhe gewünscht, beim Vorbereiten, beim Essen und mehr Zeit für Absprachen. Meine Idee war, dass mehr Klarheit in der Struktur für alle Teilnehmer und zudem eine Verteilung von Verantwortlichkeiten zu mehr ruhe führt. Z.B. durch Fragen wie: Wer übernimmt die konkrete Streckenplanung? Oder: Wer ist heute das Küchenteam? In einer Befindlichkeitsrunde am Abend habe ich dies in unserer Gruppe angesprochen. Dabei ist deutlich geworden, dass es nicht nur mir alleine so ging. Damit war der Boden bereitet, dass wir gemeinsam nach einer passenderen Strategie suchen konnten. Morgen wird der Test erfolgen.

Heute war Stationsziel Blankenberg. Wir hatten die Möglichkeit bekommen, im Evangelischen Gemeindehaus beim Pfarrer Rösler zu übernachten. Wir hatten gar nicht mit einer Einladung gerechnet und ich war überrascht, dass an dem heutigen Abend für uns gekocht und liebevoll der Tisch gedeckt war. Ich war ganz gerührt, mit wieviel Liebe wieder einmal der Tisch für uns hergerichtet war. Eine Frau aus dem Ort sagte: "Es ist schön, anderen etwas zu geben."

Nach dem Essen konnten wir berichten von unserem Weg, unserem Ziel und unseren Beweggründen für die Reise. Wir erzählten von der Intention Marshall Rosenbergs und von seinem Engagement für den Frieden. Wir teilten den Gewinn, den wir für uns in dem Konzept sahen und wir berichteten von unserer Sehnsucht nach einem friedlichen Miteinander, nach Verbundenheit und nach Selbstverantwortung für sich und sein Handeln.

Die Offenheit der Bewohner aus Blankenberg hat mich sehr bewegt. Wir hatten alle mehr oder weniger Tränen in den Augen. Vor allem die Schilderung einer Frau aus der Gemeinde hat in mir alte Erinnerungen an die Zeit der Grenzöffnung geweckt. Ich konnte noch einmal die große Freude nachempfinden, als wir die Grenze das erste Mal passiert hatten. Gleichzeitig meine Tränen der Rührung über die Unterstützung und Zugewandtheit der Menschen uns gegenüber. Hier war ein besonderes Miteinander gewesen und ich habe eine große Verbundenheit gespürt. Diese Verbundenheit hatte sich auch an dem heutigen Abend eingestellt. Wir waren alle sehr gerührt. Und die Verabschiedung war ganz besonders herzlich. Danke Euch Frauen aus Blankenberg und danke, Herr Rösler.


Mittwoch, der 13.06.2012

Die Schönheit und die deutsche Ordnung

Stunden um Stunden liefen wir heute im strömenden Regen auf den Lochplatten des endlos langen und nicht enden wollenden Kolonnenweges. Tritt für Tritt und mit voller Konzentration hatten wir die Löcher im Blick. Dabei war es dringend anzuraten, die Schönheit der Landschaft nur im Stehen zu betrachten. Sonst lief man Gefahr, sich den Fuß in einem der 28 Löcher pro Platte umzuknicken. Vorteilhaft war diese Art zu gehen, um in einen meditativen Zustand zu gelangen. Die volle Konzentration ließ es nicht zu, die Gedanken schweifen zu lassen und eröffnete einen Raum, sich der Schönheit des Bewuchses der Löcher hinzugeben. Manche würden sagen: In den Löchern wächst doch nur Gras oder Unkraut. Andere staunen über die Vielfalt der kleinen Biotope. Jedes definierte Rechteck bot Gleichmäßigkeit und Vielfalt zugleich. Es war wie ein Film mit Farben, Formen und Anordnungen, der vor einem abläuft. Abgezirkelte Orte der Lebendigkeit im tristen Beton. Ein Symbol für deutsche Ordnung?

Im strömenden Regen zu pausieren und dafür einen passenden Picknickplatz ausfindig zu machen, erforderte ein bisschen Kreativität. Ein anheimelndes Hüttchen auf einem Jägeransitz bot dazu Gelegenheit. Zu viert, wo Platz für zwei vorhanden war, gab eine kuschelige Erholungszeit. Die Regenpause war genau dann zu Ende als wir uns wieder auf den Weg machten. Der Wettergott hatte kein Einsehen mit uns; doch er entsendete den Engel Michael. Nachdem Mitglieder des Heimatvereins Titschendorf sich Sorgen machten, wo wir abgeblieben waren, schickten sie Michael mit seinem Jeep auf die Suche nach uns. Er fand uns und das letzte Stück wurden wir auf abenteuerliche Weise zum Grillplatz chauffiert. Dort warteten kulinarische Hochgenüsse auf uns. Kuchen und im Anschluss echte Thüringer Rostbratwürste. Zur besonderen Freude einer Teilnehmerin, einer Hamburgerdeern.

In einer warmen Hütte und mit vollen Bäuchen hatten wir die Gelegenheit, an den Erfahrungen der Einheimischen aus der Zeit der DDR teilzuhaben. Michael, unser Retter, sagte zum Abschluss: es tut richtig gut, interessierten Menschen von dieser Zeit zu berichten.


Donnerstag, der 14.06.2012

Heute Morgen wartete bei Familie Nadolph ein reichgedeckter Frühstückstisch auf uns. Inge und ihr Mann, Horst, ein altes Rentnerehepaar stellten uns Köstlichkeiten der Umgebung auf den Tisch. Angefangen von selbstgemachtem Holunderblütengelee bis hin zu gut gewürzter Mettwurst vom einheimischen Schlachter. Die Gastfreundschaft war etwas ganz Besonderes. Wir saßen in ihrer warmen Stube, konnten uns Lunchpakete machen und ich konnte noch meinen Fuß mit frischen Pflastern versorgen. Statt einem Morgenlied haben wir mit gemeinsamer Stille den Tag begonnen. Zum Abschied überreichte uns Horst noch ein kleines, von ihm geschriebenes Büchlein und setzte für uns noch eine Widmung hinzu. "Die Reise zum Regenbogen: Tiergeschichten für Kinder" Es hat mich bewegt, dass er sich in seinem hohen Alter solche Wünsche erfüllt.

In Brennersgrün überraschte uns ein zauberhafter Wald mit zahlreichen Naturkunstwerken aus Moos, Fichtenzapfen, Stöcken und Schiefertafeln. Von Zwergenhäuschen, Burgen, Holztürmchen bis hin zum Rostbratwurststand waren Bauwerke aller Art vertreten. So viel Kreativität steckte an. Wir wollten auch spielen und bauen. Gewaltfreie Kommunikation war unser Thema. Von einem Zapfenherz umrahmt schaute eine Holzgiraffe liebevoll auf einen Mooswolf.

Da die Zeit drängte, und das nächste Picknick auf uns wartete zogen wir durch den Ort bis an das andere Ende. Dort hatten Beate und Erika die nächste Schlemmerei für uns vorbereitet.

Nach so viel Essen wurde es Zeit, wieder ein Stück zu laufen. Nach einer dreiviertel Stunde Fußmarsch erreichten wir den Altvaterturm beim Wetzstein. Dort hatten wir uns mit den Erziehern aus dem Kinder- und Jugendheim Ranis verabredet, die mit fünf Kindern einen Teil der Strecke bis nach Lehesten mitlaufen wollten. Es war ein großes Hallo. Und es wurde erneut ein Picknick ausgepackt. Während die Kinder sich mit dem Hund anfreundeten und spielten, umrundeten die meisten Erwachsenen den Turm, der eine beeindruckende Gedenkstätte für Vertriebene aus den Oststaaten ist.

Dunkle Wolken zogen auf. Schnell machten wir uns mit den Kindern auf den Weg zu unserem Tagesziel. Doch der Regen verschonte uns nicht, was unsere Freude am Laufen nicht beeinträchtigte. Besonders die Kinder hatten ihren Spass und gestalteten aus den nassen Haaren tolle Haarfrisuren.

In Lehesten warteten der Pfarrer Hoffmann, seine Frau und einige Aktive des örtlichen Wandervereins bei Kaffee und leckerer Erdbeertorte auf unser Eintreffen. Nass und durchgefroren kamen wir an. Wir freuten uns über einen so gemütlichen, einladenden und warmen Raum. Die Gespräche mit den Mitgliedern aus dem Wanderverein waren erfrischend und die Freude war groß, dass uns morgen drei Wanderer den ersten Teil der Strecke begleiten werden. Zum krönenden Tagesabschluss hatten die Kinder Nudelsalat mit Würstchen und einen reichhaltigen Obstteller mitgebracht. Wenn das so weitergeht, werden die zu tragenden Kilos mehr statt weniger. Gut das wir noch immer unser schweres Gepäck in einem Fahrzeug transportieren lassen können. Am Montag ist jedoch Schluss mit diesem Luxus. Dann heißt es abspecken.


Freitag, den 15.06.2012

„Je besser wir Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten.“ Roland Jahn 14.06.2012, Ausgewiesener aus der DDR

Unser heutiges Nachtquartier befindet sich im „Haus des Volkes“ von Probstzella. Bauherr dieses riesigen Gebäudes ist der Sozialdemokrat Franz Itting gewesen. Er hat dem Ort und den umliegenden Gemeinden zu Beginn des 20igsten Jahrhunderts durch ein Elektrizitätswerk den Strom in die Region gebracht. Mit dem „Haus des Volkes“ erschuf er eine Bildungs-und Begegnungsstätte zur „geistigen Erhöhung des Menschen“. Die Bauausführungen sind vom jungen Alfred Arndt beendet wurden, was dem Haus ein ganz besonderen Stil beschert hat. 2003 ersteigerte die Familie Nagel dieses runtergekommene Gebäude und sie restaurierten es Bauhausgetreu und mit viel Liebe fürs Detail. Das Haus als Hotel ist ein wunderbarer Ort für alle Bauhausfans. Mit seinen großzügigen Räumlichkeiten und dem umgebenden Park ist es ein idealer Platz für Feierlichkeiten und kulturelle Veranstaltungen. In so einem großartigen Gebäude werden wir heute schlafen – in Betten. Das haben wir der aufmerksamen Fürsorge der Familie Nagel zu verdanken.

Nach einer sehr beeindruckenden Führung wurden wir vom Bürgermeister zum Grenzbahnhof-Museum begleitet. Er erklärte vieles zu den Hintergründen des Grenzverkehrs. Besonders hat mich ein Interviewauszug mit einem stellvertretenden Chef der Passkontrolleinheit von 1992 aufgerüttelt. Auf die Frage: „Hatten sie Zweifel bei dem was Sie taten?“ antwortete dieser: „Ich hatte damals keine Zweifel an der Richtigkeit der Grenze. Wir führten Gesetze, Befehle und Weisungen aus. Wir kontrollierten an einer Grenze eines Staates die Pässe. Das wird überall auf der Welt gemacht.“ „Sie wussten von Schießbefehl an der Grenze und später von den Minenfeldern und Selbstschussanlagen?“ Wir von der PKE waren für den Bahnhof verantwortlich. Links und rechts davon haben wir nichts mitbekommen.“

Wie normal scheint es, die Verantwortung in Hierarchien nach oben hin abzugeben. Aus zahlreichen Gesprächen mit Menschen aus den Grenzgebieten habe ich entnehmen können, dass Angst und Hilflosigkeit eine große Rolle dabei spielen. Wenn für Menschen die Sicherheit gefährdet ist, dann haben Einschüchterungstaktiken eine große Wirkung. Wie wäre ich mit dieser Situation wohl umgegangen? Was braucht es, damit Menschen verantwortlich handeln können?

Nach der Hotelbesichtigung und dem Besuch im Grenzmuseum wurden wir im Pfarrgarten ganz warmherzig empfangen und zu einer gemütlichen Grillrunde eingeladen. Besonders nach der Anstrengung des Tages und den vielen, vielen Eindrücken war es eine Wohltat, sich an den reichgedeckten Tisch zu setzen. Zum Abschluss gab es noch ein gemeinsames Singen in der Kirche mit anschließendem Gruppenfoto vor der Kirche.

Samstag, den 16.06.2012

Aktion Kornblume „Sie haben zwei Stunden Zeit ihre Sachen zu packen und in den Laster zu laden.“ Der vierjährige Sohn kam gerade die Treppe runter, als fremde Männer die Familie aufforderten das Haus zu räumen. „Warum…, warum Mama?“

Auf dem Grenzweg kann man über das Telefon Informationen über die geschichtlichen Hintergründe abrufen. Ein Zeitzeugenbericht hat mich zu tiefst erschüttert. 12 000 Menschen sind in der ehemaligen DDR zwangsumgesiedelt worden. Oftmals ohne Vorankündigung und mit der Begründung: „Sie sind eine Gefahr für das Vaterland und zum eigenen Schutz.“ Schon die dritte Begegnung mit einem Zeitzeugen, der dieses Erlebnis mitgemacht hatte. Bei jedem von den dreien, war die tiefe Verletzung noch wahrzunehmen. Ich denke vor allem an einen Mann heute, der mit einer Akte unter dem Arm uns aus seinen Leben berichten wollte. Er sagte: „Der Schmerz darüber ist nach wie vor da. Und wenn ich daran denke, wird alles wieder aufgewühlt.“ Erst einige Stunden später, nach dem mitgehörten Zeitzeugenbericht über das Telefon, konnte ich nachfühlen, wie es den Menschen wohl ergangen war, wenn sich innerhalb von zwei Stunden ihre gesamten Lebensbedingungen veränderten. Das hatte mich fassungslos zurückgelassen. Die nächsten Stunden blieb ich in mich gekehrt.

Als wir erneut auf den Kolonnenweg einbogen überraschte mich ein Meer an Lupinen, die den Weg völlig überwuchert und ihn unzugänglich gemacht hatten. Wie friedliche Wesen standen sie da und überdeckten das Leid der Grenze mit ihrer Schönheit. Wie stille Vertreter des Widerstandes, säumen sie den Grenzweg und sind seit Anbeginn der Reise Teil der Natur in diesem Bereich.

Zuletzt geändert am 19.06.2012 08:03 Uhr