Siebente Etappe


Montag, den 23.07.2012

In Duderstadt sind wir das erste Mal seit längerer Zeit als eine größere Gruppe unterwegs. Die Wanderer von zwei Unterkünften an den Wegstreckenpunkt zu fahren, war eine logistische Herausforderung und hat uns lange Stunden der Planung gekostet. Der Weg beginnt leicht und der Kolonnenweg ist sichtbar. Doch nach einer dreiviertel Stunde verschwindet er im Unterholz. Conrad, Petra und ich schlagen uns durch mannshohe Brennnesseln. Wir finden die Lochplatten, doch der Weg bleibt beschwerlich. Wir schlagend den anderen Wanderern eine Ausweichrute vor. Ich glaube nicht daran, dass wir diesen Weg gemeinsam fortsetzen. Zu meiner Überraschung kommen alle nach. Wir starten ins ungewisse. Nach kurzer Zeit stehen wir erneut vor undurchdringlichem Gestrüpp. Wieder suchen wir den Weg und Conrad probiert es durch die Dornenhecken. Wir brauchen einen anderen Weg. Durch den Wald finden wir einen gangbaren Weg. Doch die Platten sind und bleiben verschwunden. Wir kommen an eine Straße. Doch auch hier ist kein Grenzweg mehr zu entdecken. Ich bin abendteuermüde. Wir machen Rast. Aus Ermangelung einer Bank nehmen wir mit der Straße vorlieb.

Als ich mich umschaue sehe ich einen Waldrand mit jungen Bäumen. Hier könnte die Grenze verlaufen sein. Bevor wir fünf Kilometer auf der Landstraße laufen, prüfe ich noch diese Möglichkeit. Conrad beschrieb diesen Weg am Abend wie folgt: „Ich war verwundert. Erst meinte Anja, dass sie keine Lust mehr auf Abenteuer hat und dann verschwindet sie erneut. Ruft uns aus einem Wald an und bittet uns zu kommen. Während ich noch an den Bäumen vorbei gehe, ruft es zwischen den Bäumen „Hier, hier entlang“. Ich sehe keinen Weg, folge dann doch den anderen. Dann ein steiler Abhang. Während ich beim Laufen und Klettern noch darüber nachdenke, wie wir da alle rüber kommen sollen, streckt sich mir eine Hand entgegen und zieht mich nach oben.“

Wir haben es alle geschafft. Ich freue mich daran, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen. Es ist ein wunderbares Erlebnis. Conrad unterstützt mich in meiner Wegfindung und ist wie ein Hirte, der seine Herde zusammenhält.

Wir kommen in Silkerode an. Ein freundliches Gesicht erwartet uns. Unsere heutige Unterkunft ist eine Schule der besonderen Art.

Es ist eine freie Grundschule, die von den Bewohnern des Dorfes gegründet wurde. Sie richtet sich an den Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation aus. Sie ist eingebettet in eine Kommune, in der alte und junge Menschen zusammen leben. Wir genießen die wunderbare Gastfreundschaft und die Offenheit der Menschen dort. Sie lassen uns an ihrem Leben teilhaben und versorgen uns mit Produkten aus ihrer Gärtnerei. Am Abend treffen wir mit Menschen aus dem Dorf, der Lehrerin, und dem Pfarrer zusammen. Es gibt einen angeregten Austausch über die Schulentstehung mit all seinen Höhen und Tiefen. Dabei teilen sie mit uns die Herausforderungen und die Erfolge, die die Umsetzung des Konzeptes mit sich brachte. Besonders beeindruckend empfinde ich die Aussagen einer Gymnasiallehrerin, die Kinder aus dieser Schule in ihrer Klasse weiter betreut. Sie sagt: „die Kinder sind wesentlich sozial kompetenter als die anderen Schüler in ihrem Alter. Sie helfen mir bei Streitigkeiten, zwischen den Schülern zu vermitteln und Lösungen bei Zwistigkeiten zu finden. Auch können sie sich länger selbstständig beschäftigen. Auftretende fachliche Rückstände holen sie sehr schnell auf. Anstrengend wird es für mich, da sie sich selber und ihrer Bedürfnisse sehr bewusst sind.“

Die Lernumgebung der Kinder hat mich besonders beeindruckt. Sie erinnert mich an einen Abenteuerspielplatz. Die Schulaula, die gleichzeitig Gemeinschaftsraum der Lebensgemeinschaft ist, ähnelt einem Strandparadies. Der Boden ist vorübergehend mit feinem Sand bedeckt, Trommeln und Schlagzeug stehen neben einer Strandbar. Das Atelier im Freien auf der überdachten Terrasse macht den Kunstunterricht zu einem besonderen Erlebnis.

Der Zugang zu der Schule ist gemütlich unter einem weinberankten Dach zu erreichen.


Dienstag, den 24.07.2012

Sonnenschein und blauer Himmel. Leichtes Gepäck bis gar nichts tragen. Heute genießen wir noch die Gepäckmitnahme von Lieselotte und Frithjof. Der Weg geht bergauf. Nicht steil. Eher sanft. Noch ist es das Harzvorland. Wir kommen von Silkerode und wollen nach Walkenried. Es ist ein gemütliches Laufen als es zum ersten Mal passiert. Hannelore stürzt. Ihr Ellenbogen blutet und das Knie ist aufgeschlagen und schmerzt. Gut das wir das Erste Hilfe Set dabei haben. Dank Reiki und Homöopathie kann Hannelore weiterlaufen. Doch an diesem Tag belibt es nicht dabei. Auch eine andere Teilnehmerin stürzt. Sie verstaucht sich den Knöchel. Sie ist so unsicher auf den Beinen, dass sie gleich nochmal mit dem Bein umknickt. Erneut helfen Reiki und Homöopathie. Die Tour kann weiter gehen. Doch es nicht der letzte Sturz. Auch Barbara stürzt und verdreht sich das Knie. Ich komme aus dem Notfallreiki geben nicht heraus. Auch diesmal hilft es so, dass wir weiter gehen können. Die ganzen vergangenen sechs Wochen ist es nicht passiert und heute gleich dreimal. Ich hatte Sorge, wie wir Verletzte hier abtransportieren können. Der Kolonnenweg ist nicht immer befahrbar. Manches Mal stecken wir mitten im Wald. Und ein Hubschrauber kann da auch nicht unbedingt landen. Ich bin erleichtert und sehr dankbar, dass ich mit Reiki helfen kann und das Arnika deutlich zur Besserung beiträgt.

Die Sonne knallt unaufhörlich herunter. Lange habe ich mir diese Temperaturen gewünscht. Nun haben wir Sommer. Unaufhörlich geht ein leichter Wind. Die Nadelbäume verströmen ihren Harzgeruch und der ganze Wald duftet. Ich genieße diese Luft und all die Sinneseindrücke, die damit verbunden sind. Wir laufen unaufhörlich Kolonnenweg. Diesmal ist er fast ununterbrochen zu sehen. Doch eine Stelle zeigt uns, dass es nicht mehr lange dauert, dann ist auch ein Teilabschnitt in zwei Jahren nicht mehr begehbar. Nicht überall ist das Interesse da, die Lochplatten freizuhalten. So manches Mal werden alte Kiefern über den Weg gelegt. Schnell werden sie von Brennnesseln und Dornengebüsch umwuchert. Das bedauere ich so sehr. Ich spüre immer wieder: dem Grenzverlauf auf den Lochplatten zu folgen, geht mit einer besonderen Energie einher. Es ist vergleichbar mit dem Pilgern auf dem Jakobsweg. Quer durch den Wald und auf Wanderwegen gehen, ersetzt nicht das Gehen auf diesen besonderen und einmaligen Weg. Trotz aller Schwierigkeiten beim Laufen. Es hat etwas besonders an sich. Ein Dahin schreiten weicht einem achtsameren Gang. Vorsichtig sind die Tritte zu wählen und die Balance zu halten. Aufblicken empfiehlt sich nur, wenn man stehenbleibt. Erst dann ist ein sicherer Blick in die Landschaft rings um möglich.

Unsere Gruppe hat sich auf 14 Teilnehmer erhöht. Ein jeder bereichert die Gruppe auf so besondere Weise. Wir singen z. B. viel. Dabei wird mir dieser Reichtum an Hand von Stimmvolumen und Vielfalt besonders deutlich. Weiter bereichern sehr die Gespräche, die auf dem Weg möglich werden. Nicht immer steht die Gewaltfreie Kommunikation im Mittelpunkt. Es werden oft berührende Lebensgeschichten ausgetauscht, Lebensaufgaben und die damit einhergehenden Herausforderungen besprochen und Hilfestellung bei Bedarf gegeben. Ich erlebe es als Geschenk, mich mit so vielen unterschiedlichen Menschen auf diesem Weg austauschen und von ihnen lernen zu können.

Müde, völlig schlapp, mit schmerzenden Füßen und Beinen kommen wir in Walkenried nach ca. 20 km an. Ein See vor dem Ort lädt uns ein, unsere Sachen auszuziehen und uns in das kühlende Nass zu stürzen. Es ist wunderbar, nach einem solchen Tag die Haut zu erfrischen und auch den Geist zu beleben.


Mittwoch, den 25.07.2012

Heute ist es heiß. Wir starten um neun. Doch schon um zehn Uhr beim ersten Anstieg versagt meine Kondition. Ich bin müde. Sehr müde. Meine Augen wollen bald jeden Moment zufallen. Woher kommt nur diese Müdigkeit? Ich feiere Halbzeit. Doch nach feiern ist mir nicht. Stattdessen schleiche ich den Kolonnenweg entlang. Ich bin so schlapp, dass ich wanke. Ich versuche mich auf die Lochplatten zu konzentrieren. Trotzallem rutsche ich immer wieder in ein Loch. Mist, wenn das so weiter geht, komme ich nicht an mein Ziel. Zudem ist mir heiß und ich habe Durst. Ich kann doch bei dieser Hitze nicht gleich mein ganzes Wasser austrinken. Heute frage ich mich zum ersten Mal, wie ich nur auf die Idee kommen konnte den Grenzweg zu laufen. Das frage ich mich nun fast jeden 100. Schritt. Dazwischen atme ich die schwere Luft. Der Wald duftet aromatisch. Durch die Wärme breitet sich geradezu betörend der Kiefernduft aus. Am Wegesrand steht der Fingerhut. Zahlreich und Mannshoch. Endlich Sommer. Doch wieso ist es gerade jetzt, wo wir im Harz sind, so heiß?

Nach drei Stunden machen wir eine längere Pause. Ich bekomme den Platz auf der Bank. Alle anderen ziehen den Waldboden oder Kolonnenweg als Ausruhpunkt vor.

Ich schlafe über eine Stunde tief und fest. Als ich die Augen öffne schaue ich in ein wunderschönes Blätterdach. Innerlich ganz still verharre ich noch ein paar Minuten und schaue den Sonnenstrahlen zu, die zwischen den sich im Wind bewegenden Blättern, durchscheinen. Ich fühle mich erfrischt und voller Zuversicht, auch die letzten Kilometer zu bewältigen.

Auf dem Hohe Geiß Blick haben wir zwar keine besondere Aussicht, jedoch ein Blick auf den Boden beschert uns eine weitere Köstlichkeit für unser Abendbrot. Karin und Jenny sammeln und tragen eifrig die Pilze. Der Beutel ist schon ganz voll. Ich bin ganz dankbar. Zum selber Tragen fehlt mir die Kraft. Doch auf die Pilze freue ich mich schon. Gestern Abend waren wir schon in den Genuss gekommen.

Wir haben es bald geschafft. Noch vier Kilometer sind zu überwinden. Müde ist unser Trupp. Vier von den Mitwanderen sind heute einen kurzen Wanderweg gelaufen und schon seit 14 Uhr angekommen. Wir haben es jetzt vier Uhr. Ich hoffe, dass wir es um fünf Uhr geschafft haben.


Donnerstag, den 26.07.2012

Auf dem Weg nach Schierke kommen wir am „Ring der Erinnerung“ vorbei. Hermann Prigann hat ein Landschaftskunstwerk erschaffen. Ich betrete einen kreisrunden Platz von ca. 70 Metern Durchmesser. Der Platz ist umsäumt mit abgestorbenen Fichtenästen. Zwischen den bizarr aufragenden Stämmen wachsen Brombeer- und Himbeerbüsche sowie Heckenrosen und Geißblatt. In der Mitte stehen neun Grenzpfosten aus Beton.

Harald erzählt uns an diesem Ort die Geschichte von Helmut Kleinert. Er ist mit 24 Jahren auf der Flucht von der Grenztruppe erschossen worden. Er war mit seiner schwangeren Frau unterwegs. Die Frau wurde festgenommen. „Durch taktisch gutes Verhalten“ - so die Stasi - sei die Festnahme durch die Grenztruppe gelungen. Der angeschossene Helmut Kleinert setzte die Flucht fort. Mit verletztem Bein, versuchte er die Sperre zu überwinden. Daraufhin wurde gezielt das Feuer eröffnet. Im Kugelhagel von insgesamt 60 Schüssen verlor er sein Leben.

Eine seltsame Stimmung überfällt mich. Mein Herz klopft und gleichzeitig werde ich innerlich ganz still, ruhig und später traurig. Fassungslosigkeit macht sich breit. Mit dem Nachhall der Geschichte bekommt das Werk aus totem Holz und grünen Büschen eine Bedeutung. Schmerzliche Erfahrungen werden sich verändern. Sie bleiben nicht wie sie waren. Schönheit kann sich breit machen, nistet sich ein. Der Schmerz ist immer noch in seiner Tragik zu sehen, ragt heraus. Doch mit Hilfe der Zeit wird er von neuen Dingen durchwachsen.

Heute ist die Grenze ein Ort der Erinnerung. Geruhsam kann die Natur erfahren werden. In Stille ist es möglich sich der vergangenen Zeit zu erinnern. Auf dieser Bank sitzend und den Zaun betrachtend werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass die meisten Menschen in der DDR die Grenzanlagen nicht zu Gesicht bekommen haben. Sie konnten den Wahnsinn gar nicht erfahren und erfassen. Es war ja keinerlei Zugang zur Grenze möglich. Der Fünfkilometer Bereich war nur ganz wenigen Menschen zugänglich. Neben den Grenztruppen hatten nur die Bewohner der Grenzorte die Grenze vor Augen. Selbst in andere Orte an der Grenze konnten sie nicht reisen.


Freitag, den 27.07.2012

Brockentag. Wir haben Respekt. Heute wird der Brocken bestiegen. 1141 Meter über dem Meeresspiegel. Der Brocken hat ein besonderes Klima und wird auch der Nebelberg genannt. Wir haben Glück. Die letzten Tage hatten wir freien Blick auf den höchsten Berg im Norden Deutschlands.

Der Aufstieg gestaltet sich für mich leichter als gedacht. Mit zurückgekehrter Kraft und gemütlichen Tempo geht es bergauf. Munter fließt neben dem Wanderweg ein größerer Bach zum Tal. Heidelbeersträucher säumen das Ufer. Immer wieder bleiben wir stehen und naschen die süßen Beeren. Unseren Schmaus können wir nicht verbergen. Blaue Finger und Lippen verraten uns als Naschkatzen.

Oben angekommen teilen wir die Aussicht mit 100erten Menschen. Unglaublich, was an einem solchen Tag unterwegs ist. Petra meint: „Ich sehe in jeden einen Pilger, so wie wir es welche sind.“ Mit dieser Sichtweise lassen sich die Menschenmassen besser aushalten. Wir suchen uns ein stilles windgeschütztes Plätzchen. Eine Pause mit grandiosem Ausblick.

Wir verabschieden Conrad. Ich weine. Für mich ist Conrad in den wenigen Tagen zu einem bedeutsamen Menschen geworden. Mit seinen 75 Jahren strahlt er eine große Ruhe aus. Das entspannt mich. Seine Fürsorge beim Wandern ist wie ein Balsam für mich. Ich kann mich ein wenig mehr fallenlassen und innerlich besser ausruhen. Zudem staune ich immer wieder über das was er sagt und wie er es sagt. Noch lange bleibt es mir in Erinnerung und regt mich zum nachdenken an.

Mein Wunsch ist endlich in Erfüllung gegangen: Baden. Der Fluss Ilse, bot uns eine wunderbare Gelegenheit in seinen kleinen angestauten Badeseen, den Staub der Straße abzuspülen. Die Temperaturen haben meinen Körper nur kurz eintauchen lassen. Doch waren wir ausgelassen wie die Kinder und sind über die Steine im Wasser geklettert und haben uns gegenseitig nass gespritzt.

Heute war wirklich der schönste Tag. Die Landschaft war vielfältig und grandios. Das Wetter war traumhaft, das Zusammensein in der großen Gruppe bot Kurzweile durch die Gespräche, die kindliche Ausgelassenheit, das Lachen, die gemeinsame Trauer, das Singen.

Zuletzt geändert am 01.08.2012 01:02 Uhr