Vierte Etappe


Montag, den 02.07.2012

Heute starteten wir erneut als eine größere Gruppe. Christina, Herold und auch Petra, die schon am Sonntagabend ankamen und Singh Khalsa aus Berkach sind dabei. Wir hatten den Vorabend in einer gemütlichen Runde verbracht, zu meinem großen Bedauern, ohne Harald. Harald ist kurzentschlossen zu seiner Tochter nach Naumburg gefahren, um sie nach einem einjährigen Russlandaufenthalt wieder zu Hause willkommen zu heißen.

Harald und Maria waren bis jetzt konstant dabei. Wie es mir geht, wenn allein einer von den beiden fehlt ist mir dabei deutlich geworden. Und Maria wird ab Donnerstag nicht mehr dabei sein. Beide sind eine große emotionale Stütze für mich. Alleinsein habe ich noch nicht so üben können in meinem Leben und ist schon immer eine Herausforderung für mich. Ein Lichtblick in dem Ganzen und darauf freue ich mich sehr: meine Kinder werden mich ab dem Wochenende eine Woche begleiten.

Solche Gedanken beschäftigten mich die ersten drei Kilometer von Eußenhausen in Richtung Willmars. „Die Strecke ist kurz.“ So war meine feste Überzeugung. Doch am Mittag waren wir erst beim Skulpturenpark am ehemaligen Grenzübergang Eußenhausen-Henneberg angekommen. Da es angefangen hatte zu regnen, nutzten wir die Unterstellmöglichkeit unter der „Goldenen Brücke der Einheit“. Dies ist ein großer Holzbau, unter dem wir Rast machten.

Vom Skulpturenpark aus, sah man einen Grenzwachturm. Man konnte noch hinein. Innen bröckelte der Putz ab, die Fensterscheiben waren zerschmettert, die Kacheln vom Fußboden lösten sich, die Deckenverkleidung war abgerissen und doch steht er noch da. Ein Zeitzeuge, seiner Aufgabe enthoben aber beständig ausharrend. Wohl solange, bis Menschen entschließen ihn abzureißen oder wieder aufzubauen und einer neuen Aufgabe zu zuführen.

Wieder einmal suchten wir den Kolonnenweg. Wir stießen auf den Friedensweg. Wir folgten den 40 km lang angelegten Rad- und Wanderweg in der Rhön. Es war ein besonderer Weg, der uns an so vielen bunten Blumenwiesen, mit einer besonderen Vielfalt entlang führte. Die Lerchen flogen über uns in der Luft und sangen in dem beharrlich weiter strömenden Regen. Wir blieben stehen und lauschten in eine Stille, die nur von einem unaufhörlichen Vogelgezwitscher und dem Regen gefüllt war.

Dann fanden wir den Plattenweg wieder. Von da an, ging es die Berge erneut steil nach oben und wieder bergrunter. Singh, der in seinen Wanderschuhen nicht laufen konnte hatte sich für seine Sandalen entschieden. Auch wenn der Weg noch so rutschig war, er ging in seinem Tempo. Besonders berührt war ich, als er ein irisches Volkslied für uns sang. Seine Stimme hallte durch den Wald und wir hielten wohl alle den Atem an, so schön war seine durchdringende Stimme.

Unser Lauftempo kam mir so langsam vor. Nach neun Stunden kamen wir endlich in der Unterkunft an. Ich war müde und kaputt. Überrascht war ich als mein Schrittzähler mir anzeigte, dass wir statt zwölf Kilometer doch fast 19 Kilometer zurückgelegt hatten. Wie das zustande kam, bleibt wohl ein Rätsel. Jedoch die Müdigkeit und Schwere in meinen Beinen bestätigten mir die erwanderte Strecke.

Bei vorzüglicher Linsensuppe mit Linsen vom Karl aus der Region um Gemünda und einem wunderbaren Streuselkuchen von Erika aus Willmars stärkten wir uns, bevor es zu einem weiteren Tagesprogrammpunkt überging. Herr Schätzlein, Buchautor von einer dreibändigen Ausgabe über die Grenze, berichtete von seiner Recherchearbeit und der Buchentstehung. Es war einfach spannend, einen Menschen mit einem so vielfältigen Wissen über die damaligen Zusammenhänge befragen zu können. Bedauerlich empfand ich nur meinen Zustand von Ermüdung, der meine Gedanken schwerfällig machte und die Zeit, die einfach zu schnell verflog.


Dienstag, den 03.07.2012

Es ist Dienstag. Ich öffnete die Augen. Es ist noch dunkel und doch bin ich wach. Noch war von Sonne nichts zu sehen. Es war vier Uhr. Mein Kopf begann sofort mit seiner Arbeit und die Gedanken kreiselten. Die Zeit vergeht so schnell. Wo ist sie geblieben? Drei Wochen sind nun schon verflogen. Obwohl ich zu Fuß bin, haben ich den Eindruck durch eine unglaubliche Fülle zu rasen. So viele Begegnungen und alle will ich in meinem Kopf festhalten. Das Bild von Christa aus Gemünda schob sich in den Vordergrund. Was wollte ich noch für sie machen? Nach einigem Überlegen fiel es mir wieder ein. Ach ja die Ostsee grüßen und einmal für sie ins Wasser spucken. Ohje, das Tagebuch war noch zu schreiben. Ein neuer Gedanke, der mich nicht mehr im Bett gehalten hatte. Schnell stand ich auf. Im Garten blieb ich stehen. Kein Auto war zu hören. Allein die Vögel und sonst eine wunderbare Stille um mich. Die Wanderung bot mir bis her so unglaublich schöne Momente.

So auch heute Morgen zu unserer kleinen Morgenrunde. Ein Teilnehmer hatte sich auf eine besondere Weise geöffnet und uns etwas von seinem „Bärenland“ erzählt. Und davon, dass es ihm ganz wichtig war, ein Bärenländer zu bleiben. Er möchte nicht verändert werden und braucht den Respekt vor seinem Bärenland. Er möchte auch sicher gehen und vertrauen, dass auch die Gewaltfreie Kommunikation nicht benutzt wird, dass andere Menschen manipuliert werden und ihn z.B. zu einem „Alabaster“ machen und ihn in das „Alabasterland“ ziehen. Genauso gern möchte er von seinem Land erzählen und andere einladen, von seinem Erfahrungsschatz zu profitieren. Er braucht dazu seine „Bärensprache“ als einen Ausdruck seiner Identität und möchte nicht immer vorsichtig um jedes Wort sich herum tasten.

Und während wir so im Kreis stehen, kommt ein Handwerkerauto und hält im Hof. Er hört unser Gespräch und fragt Petra: „Habt ihr einen Flyer oder ähnliches von Euch? Ich suche genau so etwas. Ich habe oft Konflikte vor allem mit meinem Arbeitskollegen. Ich habe schon verschiedenstes probiert. Kommunikation ist so wichtig. Ich will da etwas verändern.“ Noch im Nachhinein als ich mir bewusst gemacht hatte, was da passiert war, war ich sprachlos. Petra meinte am Abend dazu: „Ich habe gespürt, hierzu sein hat einen Sinn.“


Mittwoch, den 04.07.2012

Heute Morgen hatte mich die Sonne geweckt. Dabei wollte ich doch in der Nacht dem Wachtelkönig lauschen. Wir sind gestern auf diesen besonderen Vogel aufmerksam gemacht worden. Sein Singen klingt, als wenn man an den Zinken eines Kammes mit dem Finger entlang fährt. Ein schnarrendes Geräusch. Nun gut. Dafür hatte ich tief und fest geschlafen und noch nicht einmal das Schnarchen der anderen wahrgenommen. Ich war gestern so müde und fertig. Um vier Uhr aufstehen und den ganzen Tag laufen war doch zu anstrengend. Ich hatte mir vorgenommen, heute mein Tagebuch früher zu schreiben.

Wunderschön. Einfach wunderschön. Und was? „Alles!“: meinte Petra. Begonnen haben wir unseren Weg heute auf dem Friedensweg aufsteigend von Weimarschmieden. Unser Ziel war für heute Frankenheim, das „Richtige“. Etliche Teilnehmer haben das andere Frankenheim in Hessen angesteuert. Mit dem Friedensweg stand ich auf Kriegsfuß. Von wegen gut ausgeschildert! Spätestens mitten im Wald fehlten an Wegkreuzungen die entscheidenden Richtungszeichen. Vier Optionen: Fahrradkarte ohne Waldwege, GPS, Sonnenstand oder Intuition. In jedem Fall Abenteuer.

Bei dem Kolonnenweg ist es wenigstens klar, immer den Platten nach. Aber was, wenn sie im Unterholz verschwinden? Erneutes Suchen und durchs Dickicht oder den einfacheren Weg über die Kuhweide runter zur Straße nach Oberfladungen? Diesmal entschieden wir uns für den einfacheren Weg. Auf eine Straße treffend, stießen wir auf ein Schild: Landesgrenze. Ist hier nun Hessen oder Thüringen? Ein Fahrradfahrer gab uns die Antwort. Aufmerksam geworden durch unsere Rucksackschilder „1400 km entlang der innerdeutsche Grenze - (Mit-)Einander wandeln“ entstand ein angeregtes Gespräch, in dem wir wesentlich mehr erfuhren. Wie so oft hörten wir von dem einmaligen Erleben der Grenzöffnungen, besonders von den herzlichen Begegnungen zwischen Menschen, die sich fremd waren. Spontan bot er uns an, seine Fotos von der ehemaligen Grenze direkt hinter uns vor und nach der Grenzöffnung zu schicken und uns darüber an seinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

Kurze Zeit später kamen wir an einem Forellenhof vorbei. Wir haben an unser Forellenessen vor zwei Wochen gedacht und sind in die „Erlsmühle“ eingebogen. Der Gaststättenbetrieb war seit Jahren aufgegeben. Angesichts unserer enttäuschten Gesichter brachte uns Martina, die Hofbesitzerin, Wurst und Käsebrote mit frisch gekochten Eiern zu unseren schattigen Platz am Forellenteich. Auch sie bedauerte, dass sie in den nächsten Monaten keine Zeit fände an der Wanderung teilzunehmen. Bei unserem Aufbruch drückt sie uns überraschend noch einen Beutel mit tiefgefrorene köstliche Sahnewindbeutel in die Hand: „Für eure Rast auf dem Heimatblick“.

Gestärkt ging es weiter. Jetzt wieder auf dem Friedensweg. Von ca. 470 Meter auf eine Höhe von über 700 Meter. Jede kurze Verschnaufpause war von Bremsenattacken begleitet. Das hatte dazu geführt, dass ich die Höhenmeter zügig und ohne Pause überwand. Belohnt wurden wir mit einem unglaublich schönen Ausblick. Aber ich war zu geschafft, um davon ein Foto zu machen. Auf einer Wiese liegend haben wir uns die Zeit genommen auszuruhen.


Donnerstag, den 05.07.2012

„Heute ist die schönste Etappe.“ Die MitwandererInnen, die schon länger dabei sind, schmunzeln schon bei diesem Satz. Diesen Satz hören sie bei jeder Etappe. Aber heute, war es besonders schön.

Vor allem die Blumenvielfalt ist unbeschreiblich. Ich selber kann nicht viele Arten benennen. Doch auch ich stellte fest: auf dem Grenzweg blühen so zahlreiche und wunderschöne Pflanzen. Die Wiesen sind so üppig, das Gras hoch und darin so viele verschiedene Blumen. Eine Pflanze hat es mir in letzter Zeit besonders angetan. Das ist der Wachtelweizen. Es gibt regelrechte Anhäufungen davon.

Dann standen immer wieder Orchideen am Wegesrand. Eine Sorte davon, gefällt mir besonders, auch wenn ich ihren Namen nicht weiß. Die Zartheit der Blüten und vor allem die Farben lassen mich immer wieder erstaunen. Sie sind kräftig und satt. Selbst der Klee hat eine große dunkellila Blüte.

Auch heute hieß es, denn Kolonnenweg suchen. Diesmal wählten wir nicht die Straße, sondern gingen durch hohes Gras und Brennnesseln. Es war aufregend. Die Pflanzen zeigten uns noch einen schmalen Streifen vom Kolonnenweg. Die Platten waren jedoch mehr zu erraten und vorsichtig mit den Füßen zu ertasten, als das sie sichtbar waren. Ich fühlte mich in den Urwald zurückversetzt. Es hatte geregnet. Die Bäume und Pflanzen dampften. Die Regentropfen schillerten auf dem Grün im Licht. Und dann die dichte Vegetation. Es war ein einmaliges Erlebnis.

Und dann plötzlich teilte sich die grüne Wand und vor uns breitete sich die Rhön mit ihren sanften Hügeln und den dazwischen eingebetteten Dörfer aus.

Da fiel mir nur ein Lied dazu ein:

In dieser Schönheit werde ich still

Wo alles Denken enden will

Wo neue Kraft strömt in mich ein

Voll Dank und Liebe ist mein Sein


Freitag, den 06.07.2012

Liebe Tagebuchleser:„Heute war die schönste Etappe.“

Der Tag begann ganz anders als die letzten Wochen. Maria, die uns mit den Essen ganz liebevoll und aufmerksam versorgte, war abgefahren. Die nächsten drei Wochen haben wir die Aufgabe, für die Küche, den Einkauf, das Essen, die Quartierankunft, das Organisationshandy und das Begleitfahrzeug zu sorgen. Was Maria alles abgefangen hatte, war mir erst an dem Morgen in aller Deutlichkeit bewusst geworden. Selbst jetzt, wo ich das alles niederschreibe, begreife ich das Ausmaß an Tätigkeiten, die zu übernehmen sind. Maaarrriiiiiaa…..

Und dabei war ich so stolz. Halb neun war das Auto gepackt und wir startklar. Jedoch hatte sich am Vorabend einen Organisationsfehler eingeschlichen. Nach einem Abend mit Menschen aus dem Gebetskreis der landeskirchlichen Gemeinde hatten Bernd und Hanni sich bereiterklärt, mich und Harald vom nächsten Quartier in Geisa abzuholen. So konnten wir das Begleitfahrzeug zum nächsten Ort bringen, Einkaufen, die Lebensmittel ausladen und kühlstellen. Problem: den Abholtermin hatten wir sehr spät vereinbart. Als wir loskamen in Geisa war es viertel nach zehn. Bis wir wirklich loslaufen konnten wäre es gegen elf Uhr. Ich war verzweifelt. Ich wusste es war eine sehr lange Strecke. Wir hätten eher eine Stunde früher als später losgehen sollen. Wie sollten wir das nur schaffen? Als ich bei den beiden im Auto sitzend von meiner Sorge und Verzweiflung erzählte, hatten sie sofort eine Idee. Sie setzten uns ein Stück weiter am Grenzverlauf ab und somit hatten wir die ersten Kilometer eingespart. Die anderen Teilnehmer waren sie bereit zu holen und dann dorthin zu bringen. Vor Erleichterung und Dankbarkeit kamen mir die Tränen. Bernd und Hanni waren in diesem Moment für mich wie zwei Engel. Danke euch beiden!

Wir starteten somit mit ca. fünf Kilometer weniger. Wie wir jedoch auf 20 km gekommen sind für diese Etappe ist mir noch nicht ganz klar. Wie wir später entdecken, vor Point Alpha gibt es Wanderschilder, sind es von Motzlar aus bis Point Alpha 32km und von unserer Unterkunft in Wendershausen sind es noch einmal ca. 10 km bis Motzlar. Eine Etappenlänge, die niemals zu bewerkstelligen wäre.

Aber noch wussten wir davon nichts. Wir liefen zuversichtlich los. Doch nach einer Stunde zügigen Vorankommens ist auf einmal der Grenzweg hinter Gestrüpp verschwunden. Platten liegen aufgetürmt neben dem ehemals Kolonnenweg.

Jetzt brauchen wir einen neuen Weg. Wieder einmal half uns das GPS weiter. Doch die Zeit verstrich. Eine Stunde für vielleicht zwei Kilometer. Das ist zu wenig. Wir sind überfroh, als Beate anrief. Sie wäre schon da. Sie hatte sich bereit erklärt, für die nächste Woche das Begleitfahrzeug zu fahren und für das Frühstück zu sorgen. Wir vereinbarten einen Treffpunkt. Müde kamen wir dort eine Stunde später an. Ingeborg wanderte mit ihren Hund eine andere Strecke an der Ulster, um die Aufstiege zu vermeiden, wir fuhren dank Beate nach Spahl und von dort an die Grenze. Von hier waren es nur noch 14km bis zu unserer Unterkunft. Beate war für mich der zweite Engel dieses Tages. Ich war so froh. Noch dazu hatte sie Kuchen mitgebracht. Wir brauchten dringend eine Pause und einen Nachmittagsschlaf. Es war unsere erste Rast an diesem Tag.

Harald entschied sich mit Beate mitzufahren. Und so liefen wir nur noch zu zweit gestärkt und munter weiter. Die Landschaft war ab jetzt grandios.

Die Berge, die Wiesen und die Blumenvielfalt waren einfach überwältigend. Nun war es wieder so weit: „Es ist der schönste Tag dieser Wanderung.“ Petra neben mir schmunzelte. Die Landschaft, das Licht, die grünen Wiesen, die Weite und die Üppigkeit (56 Blütenpflanzen haben wir ganz nebenbei gezählt) machten uns ganz benommen und es schwer, uns davon zu trennen.

Kurz vor Point Alpha, auf dem Hoffnungsweg, trafen wir noch eine Gruppe Kindergärtnerinnen aus Eiterfeld auf ihrem Ausflug. Durch unsere Schilder auf den Rucksäcken, sprach Pfarrer Blümel uns auf unser Vorhaben hin an. Mit vielen lieben Wünschen verabschiedeten wir uns und waren erneut für den Rest der Strecke allein unterwegs.

Halb neun kamen wir dann doch recht müde in Geisa an. In den Beinen steckten uns 18,5 km. Ohne unsere Engel hätten wir es nicht auf diese Weise geschafft. Müde und dankbar legte ich mich diesmal in meinem Auto schlafen. Was war das für eine Wohltat. Ich war allein und konnte eine Türe, wenn auch eine Autotür, hinter mich schließen.


Samstag, den 07.07.2012

Wieder war alles anders als die Wochen zuvor. Ohne Frühstück verließen wir das Quartier. Da wir das Auto vorzufahren hatten und auch noch Point Alpha, die ehemalige amerikanische Basis an der Grenze, jetzt Museum, besuchen wollten, hatten wir uns zum Frühstücken dort an der Grenze verabredet.

Es war ein besonderes Frühstück draußen in der Natur. Wir konnten von dort aus gleich den Museumsbesuch antreten. Als wir Punkt 12 Uhr loswanderten war mir zum Heulen zu Mute. Ich habe mich durch die dort gehörten alten Aufzeichnungen aus den DDR-Nachrichten an die Propaganda, mit der ich aufgewachsen bin, erinnert. Wie oft hatte ich gehört, dass es dem Arbeiter- und Bauernstaat darum ging den Frieden zu sichern und zu schützen. Aber schon als Schulkind hatte ich Angst vor einem erneuten Krieg. Die Angst vor Bomben und Angriffen begleitete mich, ohne dass ich selbst so etwas erlebt hatte. In mir war ein großes Einverständnis, zu der an uns allen gestellten Aufgabe, zum Frieden beizutragen. Ich weiß noch, dass ich dankbar war, dass es unseren Staat gab, der sich scheinbar für den Frieden einsetzte. Ich fühlte mich dadurch als Kind sicher und geborgen.

Wie knapp es in dieser Zeit vor einem Atomkrieg stand, nur hundert Kilometer von meiner Heimatstadt Jena entfernt, war mir noch nicht wirklich bewusst gewesen. Mir war neu, dass die Amerikaner in einem solchen Kriegsfall, davon ausgingen und dies auch bewusst einberechneten, dass von 10 Amerikanern nur einer diesen Krieg überlebt hätte. Europa hätte nach diesem dritten Weltkrieg vermutlich nicht mehr existiert. All diese Museumseindrücke und Erinnerungen ließen mich betroffen nach draußen gehen.

Ich bin dankbar dafür, dass sich Menschen einsetzen, dass solche Bauten wie der Kolonnenweg und die Militärstation Point Alpha als Art Zeitzeugen erhalten werden. Mir ermöglicht es, die geschichtlichen Hintergründe besser zu erfassen und zu begreifen. Dabei wird die Tragweite von politischen Handlungen und Entscheidungen für mich deutlich, auch wenn vieles davon unverständlich und auch schmerzlich in mir zurück bleibt. Meine Betroffenheit trägt dazu bei, meine Entscheidung zu stärken, mich aktiver für meine Bedürfnisse nach Frieden und Schutz einzusetzen. „Was kann mein Beitrag sein, auch wenn er noch so klein erscheinen mag?“ Was für ein kostbarer Bewusstseinsprozess.

Zuletzt geändert am 08.07.2012 13:33 Uhr