Vorbereitungen

Das Projekt durchzuführen, hatte ich im November 2010 beschlossen. Es war eine ganz spontane Sache gewesen. Ein Freund hatte mich darauf gebracht. Er schlug vor, doch die ehemalige innerdeutsche Grenze abzulaufen und an der Strecke in größeren Ortschaften Seminare und Vorträge in Gewaltfreier Kommunikation zu geben. Das ist es, war meine erste Reaktion. Ich bin dabei. Nicht wie ich dachte zu zweit, sondern zu Beginn allein. Bedauert hatte ich sehr, dass er sich aufgrund von Familie und Arbeit gegen den gemeinsamen durchgängigen Lauf entschieden hat. Doch ich wusste, dass er mich weiterhin unterstützen würde. Mich ließ der Gedanke, drei Monate zu Fuß zu gehen nicht mehr los. Ich spürte in meinem Herzen, dass es mein Weg war, den ich zu beschreiten hatte. Woher auch immer dieses Wissen kam. Noch hatte ich große Angst und habe es niemandem verraten. Ich suchte mir Kartenmaterial zusammen und verschlang im Internet allerlei Informationen, die es zum Grünen Band in Deutschland gab.

Besonderen Respekt flößte mir die Gesamtstrecke ein. 1400Kilometer - die läuft man nicht einfach so. Ich rechnete wie lange ich wohl unterwegs sein würde. Drei Monate - das war ein nächster Schock für mich. Wie sollte dies zeitlich möglich sein. Ich hatte Kinder und ein festes Arbeitsverhältnis und ich hatte Angst. So lange allein und getrennt zu sein, von den Menschen die ich liebte, hat nicht dazu beitragen, dass ich mich in die Organisation stürzte. Noch hatte ich keinem davon etwas verraten. Nur in mir selbst stand es fest. Ich werde laufen.

Was mich am meisten daran motivierte, war die Erinnerung an Marshall. Marshall Rosenberg hat mich so sehr berührt. Auf einem Intensivseminar in der Schweiz 2009 habe ich seine Sehnsucht nach Frieden und Verbundenheit aller Völker untereinander spüren können. Seine gesamte Kraft und Energie steckte er in dieses Vorhaben. Ich hatte hohen Respekt und tiefe Ehrfurcht. Gleichzeitig berührte es auch meine eigene Sehnsucht. Ich wollte dazu gehören. Wollte mithelfen beizutragen und sah vor allem in der Gewaltfreien Kommunikation eine Möglichkeit, mit der auch ich beitragen konnte.

Anfang 2011 setzte ich mir ein Ziel. Im Sommer 2012 werde ich starten. Wenn ich es 2012 nicht an Angriff nehme, so werde ich nie machen. Das konnte ich ganz deutlich wahrnehmen. Mein Mut brauchte etwas Verbindliches und Unterstützendes. Zeugen. Ich begann meinen Freundinnen davon zu erzählen und war sehr dankbar für ihre Rückmeldungen. Karin sagte, als ich ihr von meiner Angst allein unterwegs zu sein berichtete: "Du brauchst doch gar nicht allein zu sein. Wenn Du möchtest, dann findest du Menschen die dich begleiten werden. Vielleicht nicht die ganze Zeit, doch für ein paar Tage und Wochen kann ich es mir vorstellen." Dieses Satz war bedeutend für mich. Na klar. Wer sagt denn, dass ich allein gehe. Nun begann ich aktiver zu planen und bezog auch meine Familie mit ein.

Die Reaktion meines Mannes war nicht gerade dass, was ich in dem Moment als unterstützend wahrgenommen hätte. Er verfiel in Schweigen. Er fragte mich nur noch, ob dies für mich feststeht. Ich bejahte dies und er bedauerte sehr, dass ich für drei Monate fort sein werde. Doch er stand hinter mir. Er gab mir Zuversicht, wenn mich der Mut verließ. Gerade dann, wenn ich mich mit meinem eigenen Bild von einer „guten Mutter“ auseinander setzte. War ich eine Rabenmutter, wenn ich für drei Monate meine Kinder nicht sehen würde? Wie würden sie es verkraften? Sind sie noch zu klein dafür? Würden sie mich trotzdem weiterhin lieben? Das waren schwierige Fragen. Und sie sind nach wie vor aktiv.

Als meine Schwiegermutter von meinem Vorhabe erfahren hatte, stellte auch sie mir diese Fragen. Es war, als hörte ich meine eigene Stimme in mir, die über mich und mein Vorhaben richtete. Das hat mich ganz schön umgehauen und ich brauchte sehr viel Selbstempathie. Zum einen, um mich selbst, auch mit meiner Wanderidee, als gute Mutter anzunehmen und zum anderen, um Verständnis für die Unsicherheit und die Befürchtungen meiner Schwiegermutter aufzubringen. Sie haben mich in Allem immer unterstützt und ihnen habe ich viel zu verdanken. Ich wollte unsere Art des Miteinanders nicht stören.


Liebe Freunde, liebe Unterstützende, liebe Interessierte,

die Spannung wächst. In zwei Tagen geht es los. Meine Wanderung entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze beginnt. Gestern habe ich meinen Rucksack zu Ende gepackt, die wichtigsten Seminarsachen im Begleitfahrzeug verstaut und noch lange am mobilen Internetzugang gefeilt. Zeit zum Nachdenken, was auf mich wohl zukommt, habe ich nicht. Das wird wohl auch besser so sein. Denn schnell packt mich die Wehmut über die wenigen Stunden, die ich noch mit meiner Familie so eng zusammen sein kann.

Heute Morgen beim Zähneputzen, fiel mir die Frage ein: wie kannst du dich verabschieden? Wie kannst du dich bei all denen bedanken, die dir Mut zugesprochen, dich aufgebaut und unterstützt haben in der Vorbereitung? Es waren so viele zahlreiche Begegnungen. Manche ganz klein und kurz aber sie kamen oft in genau den Momenten, in denen ich sie gebraucht habe. Ich bin so dankbar dafür, denn es schenkt mir Vertrauen, dass die Reise einen Sinn hat und es gut ist, mich auf den Weg zu machen. Da die Zeit, die ich nun noch zu Hause bin, kurz ist und mein Wunsch nach gebürtiger Wertschätzung für das Eingebundensein in ein mir so wohlwollendes Umfeld, möchte ich jetzt mit Euch gemeinsam mein Feiern und Bedauern teilen.

Ich feiere meinen Mut, mich auf eine so lange Wanderung zu wagen. Ich danke sehr meinen Kindern und meinem Mann, mich gehen zu lassen. Sie verzichten auf mich und meine Unterstützung in ihrem Familienalltag. Sie lassen mich frei ziehen und hoffentlich auch wiederkommen. ;) Ich danke auch meinen Eltern und Schwiegereltern, die in ihrer Sorge um die Kinder, mein Vorhaben trotzdem mittragen. Ich danke meinen Arbeitgebern, meiner großen Chefin, Angela Wenning-Dörre und der Heimleitung, Sandra Berger, im Kinder- und Jugendheim für ihre Bereitschaft und Toleranz, mir diese Auszeit vom Arbeitsalltag zu genehmigen. Ich feiere meine Engel, Maria, Harald, Barbara, die mich über die letzten Monate so intensiv unterstützt haben, so dass dieser Weg eine feste Gestalt angenommen hat und darüber so vielen anderen Personen die Möglichkeit gibt, mit dabei zu sein und sich anzuschließen. Ach, es sind so viele Menschen beteiligt, die mich bestärkt und mir geholfen haben. Ich habe mir fest vorgenommen, den ersten Wandertag all denen Menschen zu widmen, mit denen ich durch die Reisevorbereitung in Kontakt kam. Ich möchte dann in Stille und Achtsamkeit mich an jeden Einzelnen erinnern und danken.

Bedauern tue ich auch einiges. Und zwar, das ich noch so viele Ideen habe, die ich nicht mehr halten und umsetzen kann. Das Projekt hätte noch um so viele andere Möglichkeiten bereichert werden können. Bedauern tue ich auch, dass ich immer wieder die Entscheidung gefällt habe, mich für das Projekt und gegen Familienzeit entschieden zu haben. Gerade gestern habe ich die wenige verbleibende und mir kostbare Zeit mit meiner Familie gespürt und sehr bewegt bedauert und betrauert, bisher nicht achtsamer damit gewesen zu sein und die Nischen intensiver genutzt zu haben.

So, nun bin ich fertig. Für alle die, die sich noch entscheiden wollen am Start mit dabei zu sein: Wir beginnen um 9 Uhr in Regnitzlosau in der Kirche mit einer kleinen Feierlichkeit. Wer nicht mitwandern kann, jedoch Interesse hat, kann auf meiner Website www.mit-einander-wandeln.de die Reise verfolgen. Ich werde an jedem Abend einen kleinen Tagebuchtext verfassen. So nun werde ich mich verabschieden. Ich drücke Euch virtuell und wünsche Euch allen einen wunderschöne Sommerzeit und mir, dass Deutschland die Fußball-EM gewinnt.

Eure Anja

Zuletzt geändert am 11.06.2012 09:42 Uhr