Zehnte Etappe


Montag, den 13.08.2012

Die Woche steht unter dem Motto: Was will ich wirklich in meinem Leben. Um das herauszufinden können sich eigene Erfahrungen mit inneren und äußeren Grenzen als hilfreich erweisen. Denn wenn wir an Grenzen stoßen, braucht es ein Innehalten und ein Überlegen, wie es weitergehen kann. Und mit der Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse können wir klären, welche Strategien geeignet sind.

Unsere zahlreichen Grenzüberquerungen heute haben mir meine Bedürfnisse sehr deutlich gemacht. Das Zusammensein in der Gruppe, der Verbund und die damit einhergehende Sicherheit sind für mich wesentliche Bedürfnisse, die an zentraler Stelle stehen. Dann kommen das Abendteuer, der Wunsch zu wachsen und vorwärts zu gehen. Effektivität, Schönheit und Humor sind bei meinen gesamten Unternehmungen weitere für mich wesentliche und sehr aktuell wichtige Bedürfnisse.

Diese Bedürfnisse und noch viele mehr, haben sich heute gänzlich erfüllt. Das Innehalten habe ich besonders genossen. Mit Leichtigkeit und viel Kreativität haben wir uns heute bestimmt sechs Mal einen Weg über die Weidezäune gesucht. Dabei haben wir das Vor-und Zurückgehen abgewogen und unseren Ängsten gelauscht. Gerade die Jungbullen und die Pferde haben so manchen aus unserer Gruppe unsicher werden lassen. Da die Zäune so verkabelt und stellenweise noch dazu mit Stacheldraht versehen waren, war es nicht leicht eine Übergangsmöglichkeit zu finden. Doch umkehren wollte keiner von uns. Und so haben wir gemeinschaftlich nach Lösungen gesucht, die alle mittragen konnten.

Ja, mit der Wanderung habe ich bis her so manch eigene Grenzen entdeckt. Nach wie vor bleibt es herausfordernd, an diesen Hindernissen dran zu bleiben, um sich weiter zu entwickeln. Das ist mir besonders klar geworden als mir heute eine liebe Freundin folgenden Brief zukommen ließ. Liebe Anja,

nun endlich möchte ich Dir mal schreiben. Ich denke ganz oft an Dich und verfolge, wenn ich kann Deine Wanderung und lese Dein Tagebuch. Ich habe errechnet, dass Du heute 855 km geschafft hast und nur noch 378 km vor Dir. Toll, toll, toll - großartig! Was müssen das für Gefühle sein! Ich bewundere Dich sehr!

Manchmal träume ich und versuche mir dabei vorzustellen, wie es Dir geht. Wie es ist, immerzu mit Menschen zusammen zu sein, Abschiede zu begehen, die einen traurig machen, ständig neue Menschen zu treffen, immer wieder Geschichten zu hören, die man vielleicht schon mehrmals gehört hat? Sehnsucht nach Ruhe? Sehnsucht nach Alleinsein? Sehnsucht nach einem guten Buch? Sehnsucht nach uns alten Freundinnen? Sehnsucht nach Alltag, nach Regelmäßigem? Was kommt danach, nach diesem großen Projekt? Die Sehnsucht nach der Freiheit der Wanderung? Einfach weiter zu laufen irgendeinen Weg, Hauptsache laufen?…

Resümee:

Ja, was will ich wirklich in meinem Leben? Und welche Wünsche und Ziele werde ich nach meiner Wanderung verfolgen? Welchen Bedürfnissen werden sie dienen? Welchen Bedürfnissen werde ich einen besonderen Stellenwert in meinem weiteren Leben einräumen? Ich bin ratlos und neugierig - und habe auch ein wenig Angst.


Dienstag, den 14.08.2012

Was für eine Überraschung. Es ist euch gelungen. Still und heimlich habt ihr alles vorbereitet. Ich habe nichts von euren Vorbereitungen und den geheimen Absprachen mitbekommen. Und nun traue ich meinen Augen nicht. Ich kann es einfach nicht glauben, was ich da sehe. Es ist wie in einem Film. Zwei Fahrspuren, dazwischen karges Grün. Es ist eine Straße und doch scheinen zwei Wege in einer Senke aufeinander zu treffen. Das ganze entbehrt nicht einer gewissen Dramatik. Unsere Pilgergruppe kommt singend von der einen Seite und singend kommt uns die Kinderheimgruppe aus Ranis entgegen. Ein Begrüßungskreis bildet sich um mich und ich werde ganz herzlich von allen empfangen. Moritz meint: „Sie gehören doch zu uns.“ Das berührt und bewegt mich. So viel Wertschätzung empfange ich von allen. Das ist ein ganz kostbares Geschenk für mich.

Es wird ein wunderbarer Nachmittag und Abend. Die Freude der Kinder und auch meine nehmen kein Ende. Alle packen mit an und gemeinsam erschaffen wir so viel Schönes. Es gibt ein Lagerfeuer, wir schnitzen Stöcker für unser Stockbrot, ein Grillmeister und seine Gehilfen entzünden die Grillkohle auf dem Rost, zwei Pilgerinnen bereiten mit Unterstützung für uns alle ein leckeres Abendessen zu und die Tische werden gedeckt und abgeräumt. Zudem haben wir noch Gäste aus dem Dorf. Sie teilen mit uns ihre Grenzerfahrungen. Ich kann viele meiner Fragen zum Thema Grenze stellen und bekomme ganz viele lebendige Geschichten zurück. Ich genieße dieses Zusammensein und fühle mich als einen sehr geschätzten Teil des Ganzen. Habt ganz vielen Dank an alle die dazu beigetragen haben, dass der Abend ein so schöner und runder Abend geworden ist. Singend haben wir zueinander gefunden und singend nehmen wir nun Abschied.


Mittwoch, den 15.08.2012

Ein Tag der Geschenke. „Was will ich wirklich in meinem Leben?“, so lautet das Tagesthema beim Laufen. Jeder bekommt eine halbe Stunde Raum und Zeit, sich seinem selbstgesuchten Zuhörer mitzuteilen und in seinen Überlegungen gehört zu werden. Der eindeutige Weg ohne große Hindernisse und Abendteuer unterstützt den Prozess der Übung. Viel Freude habe ich gespürt bei den unterschiedlichsten Reaktionen der Teilnehmer nach der Übung. Wut, Stille, Tränen, Nachdenklichkeit sowie kindliche Ausgelassenheit konnte ich beobachten. Eine Teilnehmerin sagte danach: „Das Zuhören und den anderen genügend Raum zu geben hat mir sehr viel Verbundenheit gebracht, die in der Intensität sehr schön war.“ Eine weitere Stimme dazu:„Ich möchte ausgelassen tanzen, so befreit fühle ich mich in diesem Moment.“ Das Gelöste Freudige und Nachdenkliche war den ganzen Tag über noch zu spüren.

An einer Wegkreuzung in Lindhof sind uns Näpfe mit Wasser aufgefallen. Die Frage, was es damit auf sich hat, hat uns Elfriede, eine ehemalige Standesbeamtin aus dem Ort, gleich beantwortet. Sie versorgt im Ort die umher streifenden Tiere. Aber nicht nur die Tiere werden bedacht auch wir wurden von ihr mit reichlich Kirschwein auf den letzten Tagesabschnitt geschickt.

Auch das Engagement von Pfarrer Vogel hat uns mit viel Dankbarkeit erfüllt. Die vielen kleinen Dinge des Pilgerlebens, die geregelt werden wollen, hat er mit einer Selbstverständlichkeit und Gelassenheit geschenkt. Dies hat uns den Aufenthalt in Jübar und Diesdorf wesentlich erleichtert. Dabei haben uns neben seiner Umsicht, ebenso sein Mitdenken und sein Mitanpacken besonders beeindruckt. „Sagen sie nur was sie benötigen und ich kümmere mich darum.“

Wir wurden Tür an Tür mit dem Pastorenehepaar Buttler im Gemeindehaus untergebracht, die uns sogar ihr eigenes Bad und Küche zur Verfügung stellten, „damit Sie sich hier wohlfühlen können“. Weiterhin beschenkten uns die Gemeindemitglieder mit belegten Broten, Diesdorfer Getränken und interessanten Gesprächen beim gemeinsamen Abendessen im idyllischen Pfarrgarten.

Zum Abschluss des mit Leichtigkeit gefüllten Tages, sangen wir noch alle gemeinsam in der romanischen Klosterkirche, die uns mit ihrer wunderschönen Akustik begeistert hat.


Donnerstag, den 16.08.2012

Kirche als Beherbergungsort

Lagendorf. Ein Ort mit fünfzig Einwohnern. Für Barbara war es nicht einfach, vor der Wanderung in dieser dünnbesiedelten Region eine Unterkunft zu finden. In der Umgebung von Lagendorf, so erzählt sie uns, hat sie einige Absagen bekommen. Auch in Lagendorf, hörte es sich so an, dass auch hier keine Herberge zu bekommen sei. Doch im Laufe des Telefonats, fielen Frau Panzer immer mehr Möglichkeiten ein uns aufzunehmen. Und nun sind wir hier und haben einen wunderbaren Platz in der Kirche gefunden. Die Kirche ist ca. 100 Jahre alt. Sie war noch vor Jahren so baufällig, dass sie einsturzgefährdet war und nicht betreten werden durfte. Dann nach der Sanierung ist sie zu einem Schmuckstück im Jugendstil geworden und bietet uns Pilgern mit der integrierten Winterkirche einen optimalen Ausruhort. Begrüßt werden mit Blumen auf dem Tisch, gekochten Kaffee und leckerem Kuchen. Wir können in der Kirche singen, kochen, essen, schlafen und auch unsere Wäsche trocknen. Mehr braucht ein Pilgerherz nicht. Für alles Wesentliche ist gesorgt. Habt vielen Dank dafür.

Am Abend findet ein Treffen mit fünf Frauen aus dem Dorf statt. Gemeinsam sitzen wir in der Abendsonne vor dem Eingang der Kirche und trinken, den von Frau Panzer mit gebrachten Holundersekt. Wieder einmal ist es ein besonderer Abend mit Menschen aus dem Ort, bei dem neben den Erfahrungen mit der Grenze die Erfahrungen mit der Gewaltfreien Kommunikation als einen Weg, der zu Verbindung und Wertschätzung anregt, im Mittelpunkt stehen.


Freitag, den 17.08.2012

Das wäre er gewesen. Der Grenzweg. Doch heute und so wie die vergangenen Tage ist er meistens verschwunden. So viele Male ist er ganz abgebaut. Man ahnt nur noch, wo er gewesen sein mag anhand des KFZ-Sperrgrabens. Oder auch an den Wurzelgeflechten, die sich in den Löchern ausgebreitet hatten.

Uns bleiben nur noch die Wege entlang des ehemaligen Plattenweges oder die Straßen. Das enttäuscht mich sehr. Ich bedauere es so oft, dass der Plattenweg nicht freigehalten wird. Wir hätten wirklich eine sehr schöne Strecke gehabt. Wir entscheiden uns für den Pfad neben dem Kolonnenweg. Jedoch ist dieser nicht leicht begehbar. Saftig grüne Wiesen mit hohem Gras, dichtes fast mannshohes Beifußgestrüpp und eine Pause, die keine wirkliche Erholung bot durch die zahlreichen dicken Kreuzspinnen die uns begrabbelten, waren wir schnell des Abenteuers müde.

Vierzig Meter dichtes Brennnesseldickicht, tiefe Wassergräben rechts und links. Wir haben uns das erste Mal für den Rückweg entschieden. Das frustriert. Doch die Pflaumen und der Mais am Wegesrand entschädigen uns. Zudem können wir bei der riesigen Hitze, die Deutschland ereilt hat, unsere Wasserflaschen im Dorf füllen.

Frohen Mutes ziehen wir weiter. Jedoch nicht für lange. Ein erneuter Versuch den Kolonnenweg zu erreichen, scheitert erneut vor Wassergraben und Brennnessel. Nun weigert sich auch Johannes weiterzugehen. Da kommt die Rettung. Ein Teilnehmer holt uns vom Weg ab und so fahren wir erst einmal zu einem Campingplatz, der uns mit seinem Naturteich und seiner Dusche lockt.


Samstag, den 18.08.2012

Ab heute sind neue Mitwanderer dabei und begleiten unsere Gruppe mit ihrem Esel, Grisello, und ihrem Berner Sennerhund, Peppino. Ich freue mich sehr über die Begleitung. Gemütlich ziehen wir los, gefolgt von neugierigen Blicken der Stadtbewohner aus Clenze. Unser Weg führt durch das Wendland. Die Ortschaften sind geprägt von Backstein- und Fachwerkhäusern. Die verspielten Tore und Fenster gefallen mir besonders gut. Jedes Haus hat seinen eigenen Charme und die bunt gestalteten Vorgärten laden zum Verweilen ein.

Fast alle der Häuser sind mit einem gelben Kreuz versehen. Das gelbe Kreuz ist ein Symbol für den Widerstand, der Wendländer. Die Bewohner sprechen sich damit gegen die Atomkraft aus. Sie wollen mit den radioaktiven Müll nicht belastetet werden und machen aufmerksam auf die Gefahr, die davon ausgeht. Auch die Bauern widersetzen sich kollektiv mit ihren Traktoren.

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Sie spielen eine wichtige Rolle bei den Demos gegen den Atomstrom. Sie werden oft eingesetzt für Straßensperrungen und Blockaden. Durch die Organisation, den Arbeitsausfall und die verhängten Geldstrafen, gehen sie ein großes finanzielles Risiko ein. Um dem entgegen zu wirken, sind auf Spenden angewiesen. Darauf macht die am Straßenrand stehende Betonpyramiden aufmerksam, Spendenboxen auf. Die Spenden sollen sie unterstützen, ihr Engagement für die Umwelt weiter fortführen zu können.

Gerade die Bauern im Wendland sind keine reichen Unternehmer. Oft sind die Höfe seit Jahrhunderten in Familienbesitz und die Bauern sind verwachsen mit ihrer Scholle. Sie können nicht einfach wegziehen. Diese Menschen sind, wie wir alle, von der intakten Umwelt abhängig. Um den Machenschaften der Atomfürsprecher etwas entgegenzusetzen sind die Wendländer seit mehr als zwanzig Jahren unermüdlich kreativ.

Bei all ihren Aktionen wollen sie gewaltfrei bleiben. Vor allem die „Kurve in Wustrow“ hat sich zur Aufgabe gemacht, das Wissen um den gewaltfreien Widerstand weiterzugeben. „Von innen heraus wollen sie das System verändern aus dem System heraus.“, so erklärt mir Monika die Aktionen die im Wendland stattfinden. So werden Straßenfeste organisiert und kulturelle Ausstellungen organisiert, die alle den Hintergrund der Aufklärung und Sensibilisierung tragen.

Zuletzt geändert am 22.08.2012 00:29 Uhr