Zwölfte Etappe


Montag, den 27.08.2012

Die Elbe ist ein langsamer und geruhsamer Fluss in dieser Zeit. Mit seinem weißen Sand und den zahlreichen Buchten zieht es mich immer wieder zum Wasser. Für mich ist es etwas ganz Besonderes, immer wieder an den Strand zu gehen und sich mit dem Lauf des Wassers zu verbinden. Wenn ich ganz still am Wasser stehe und auf die Strömung schaue, beschert er mir Ruhe und ein inneres stilles Glück. Mir kommt der Gedanke, dass alles Leben sich im Wandel befindet und nicht stillsteht. Es geht weiter und immer wird für mich gesorgt sein. Ich brauche nicht viel. Das Pilgern zeigt mir immer wieder, mit wie wenig ich auskommen kann. „Hab vertrauen“ murmelt mir das Wasser entgegen. „Du wirst immer einen Weg finden.“ „Hab Dank, du Elbefluss.“


Mittwoch, den 29.08.2012

Von Bleckede in Richtung Boizenburg begleiten uns Ute und Erika noch ein Stück an der Elbe. Erika berichtet uns von ihrem Engagement rund um die Elbe. Sie setzt sich schon seit Jahren unermüdlich für den Erhalt dieser einzigartigen Naturlandschaft ein.

Die Elbe ist der letzte naturnahe Strom in Deutschland. Auf 600 Kilometern fließt sie ungestaut. An ihren Ufern finden sich zahlreiche helle Sandstrände. Auch wir suchen immer wieder die kleinen Buchten auf und lassen uns in der momentan sanften Strömung treiben. Ich spüre Dankbarkeit und Freude, wenn ich auf Menschen treffe, die unsere Natur schützen.

Zahlreiche Informationen über die Elbe und Berichte über die Arbeit der Elbeschützer findet man unter: http://www.elbeinsel.de/03hintergrund.html#06

Blick auf Boizenburg


Donnerstag, den 30.08.2012

Heute ist der letzte Wandertag für diese Woche. Morgen heißt es: auf nach Lüdersburg zum Seminar. Mit Freude denke ich daran. Wir sind in einem wunderschönen Seminarhaus untergebracht. Und es bereitet mir immer wieder viel Spaß, die Seminare zu leiten. Dann schleicht sich der nächste Gedanke ein. Es ist das letzte Einführungsseminar in die Gewaltfreie Kommunikation, welches ich zusammen mit Olaf Hartke am ehemaligen Grenzverlauf geben werde. Am 09. September heißt es „Abschied nehmen“ vom Grenzweg, der nun fast drei Monate mein Zuhause war.

Meine frohen Gedanken nehmen ein abruptes Ende, als wir vor dem Eingang des ehemaligen Außenlagers des KZ Neuengamme in Boizenburg stehen. 400 ungarische Jüdinnen waren unter den härtesten Bedingungen zusammengepfercht. Die Ausstellung in der letzten erhaltenen Baracke dokumentiert eindrücklich den Überlebenskampf der gefangenen Frauen in Bild- und Tondokumenten. Besonders betroffen machen mich die im Jahre 1946 aufgezeichneten Tonbandaufnahmen von einigen der Überlebenden. Eine der Frauen berichtet über den Umgang der Wärterinnen mit erkrankten Gefangenen. Rücksichtslos und brutal wurden die ausgehungerten und überarbeiteten Frauen behandelt. Den Aussagen der Frauen konnte ich kaum zuhören, so sehr hat mich der Schmerz und das Unverständnis darüber übermannt.

Etwas Hoffnung, das auch im Gefangenenlager etwas Menschliches geschehen sein könnte, gab mir die Überschrift eines weiteren Tondokumentes: „Die Geburt eines Kindes“. Doch während des Hörens wurde ich von dem Bericht der Frau tief erschüttert. In einem der Schlafräume fand eine Geburt statt. Unter schmutzigsten Bedingungen und auf Stroh und alten Lumpen wurde ein gesundes und kräftiges Mädchen geboren. Doch es konnte nicht lange leben. Es wurde der Mutter entrissen und in die nahegelegene Elbe geworfen.

Weinend trat ich aus der Baracke. Ich stand wie verloren auf der Wiese vor dem Eingang und konnte nicht fassen, was ich da gehört hatte. Wie hinter Nebel taucht Heike vor mir auf und hält mir ein grün-leuchtendes Blatt und ein Schneckenhaus entgegen. Die Natur gibt uns mit ihrer Schönheit Kraft, auch solche schmerzenden Wunden auszuhalten. Ob sich die Frauen durch solche Gesten auch Kraft und Trost geben konnten?

„Eng Zusammen“ Zeichnung: Agnez Lukacz


Freitag, den 31.08.2012

Ich werde nicht mitlaufen. Das bedaure ich sehr. Das Laufen ist mir zu einer lieben Aufgabe geworden. Doch ich freu mich auch. Denn es findet erneut ein Einführungsseminar in die Gewaltfreie Kommunikation statt. Um unseren Seminaranspruch gerecht zu werden, entscheide ich mich für die Vorbereitungen und damit für das Auto. Doch ich gehe nicht ohne einen Abschied und dem Morgenimpuls. Diesen möchte ich hier mit euch teilen. Es ist eine Email, die ich von meiner Arbeitskollegin, einer Teamleiterin aus dem Kinder- und Jugendheim Ranis, bekommen habe. Sie hat, so wie alle Kollegen mit ihr, an einem Einführungsseminar in die Gewaltfreie Kommunikation teilgenommen. Sie ist von dem Konzept begeistert und bindet ihr dort erlangtes Wissen in den Alltag mit den Kindern ein. Ihre Rückmeldung hat mich sehr berührt. Denn das ist, was ich mir wünsche: dass Kinder mit solchen Erfahrungen aufwachsen können und lernen was es heißt, sich mit Freude für die Gemeinschaft einzusetzen. Ich danke Dir, Nadine. Deine Rückmeldung bestätigt mich einmal mehr in meiner Arbeit als Trainerin und zeigt mir, dass meine Arbeit einen Sinn hat.

„Hallo anja, gestern habe ich sehr an dich gedacht und muss dringend ein erlebnis mit dir teilen.

als ich gestern meinen dienst antrat herrschte ein wenig „chaos“. ich ärgerte mich, weil von den kindern wiederholt lebensmittel aus dem schrank gestohlen wurden. diese wurden dann auf dem bußboden verteilt und konnten nicht mehr verzehrt werden. hinzu kamen einige worte „sie können uns doch gar nichts“, die zu meiner verärgerung beitrugen.

am frühstückstisch besprachen wir die thematik. es war samstag, also eigentlich unser einkaufstag. man könne die lebensmittel ja einfach ersetzen, sagten die kinder. die frau weber fährt ja sowieso nach pößneck. usw.

das war mir zu einfach, schließlich möchte ich, dass alle verantwortung tragen mit lebensmitteln vernünftig umzugehen - und auch mit mir :) ich fragte, welche möglichkeiten es noch gibt, nahrung für das wochenende zu beschaffen? wie kann man dies organisieren? und wenn man selbst die verantwortung dafür trägt und sich mühe macht, vielleicht lernt man dann auch lebensmittel mehr zu schätzen?

schnell brachten die kinder den vorschlag vor, zu fuß zu gehen. ersteinmal sehr salopp: „na dann laufen wir halt...“

„gut machen wir - wohin?“, war meine antwort. wirklich??? ist das ihr ernst? wir können doch nicht laufen und die einkäufe schleppen? wie sollen wir das machen?

ein plan war gefragt. das gruppenkommite tagte lange und gründlich. es wurde genau geschaut, was wir brauchen und was nicht. vorräte wurden durchsucht, dann ein einkaufszettel geschrieben. auch die preise mussten geschätzt werden, damit es bezahlbar bleibt und unser geld dann auch ausreicht. zum glück hatten wir noch genügend getränke im haus. also weniger schwere lebensmittel zu beschaffen...

die kinder waren eifrig bei der planung zu gangen und man spürte förmlich schon eine dynamik. dennoch konnten wir nicht starten, da die gruppe ziemlich schmutzig war. auch hier ging es darum, gemeinsam verantwortung zu tragen. alle äußerten, sie wünschen sich gemütlichkeit, wohlfühlen, auch sauberkeit. wie schaffen wir das? alle packen mit an... die kinder verteilten die aufgaben und haben geputzt wie die meister. an manchen stellen kam ich mir schon überflüssig vor;)

und danach gings los. rucksäcke wurden verteilt und wir stiefelten in richtung krölpa. die ersten paar meter dachte ich noch, ui, ob wir das so schaffen... manche kinder dachten noch, es sei ein Scherz: „Wann holen Sie das Auto?“ als wir aus ranis raus waren, veränderte sich gleich die stimmung. die sonne lachte und wir konnten weit über die wiesen und felder schauen. moritz war an meiner seite und hatte viel gesprächsbedarf. alle liefen so vor sich hin und entdeckten immer neue dinge am wegesrand. wir hatten uns schnell "eingelaufen" und kaum einer fragte mehr, wie weit es noch ist.

als wir unsere erste „etappe“ erreichten, die diska in krölpa, waren wir schon etwas durchgeschwitzt - aber euphorisch. ich denke, wir hatten alle zweifel, ob wir das wirklich so durchziehen. das einkaufen ging schnell und wir naschten alle noch ein eis. vor dem supermarkt sagten einige kinder: Oh, das hat spaß gemacht. warum gehen wir nicht immer zu fuß einkaufen?

der rückweg war etwas schwieriger mit den einkäufen bepackt und berg auf. aber die stimmung war gut. wir hatten auch großes glück, dass niklas uns mit seinem fahrrad begleitete. er bot an, kartoffeln auf dem gepäckträger zu transportieren. ohne ihn hätten wir gar keine kartoffeln kaufen können. das wäre zu schwer geworden. wir freuten uns sehr über seine unterstützung.

auf dem heimweg war es wieder sehr warm, aber der wind wehte immer mal in unsere richtung. die kinder sagten dann immer, wie gut das tut, aber wie schön auch die sonne ist usw. die kleinen gingen dann barfuß und fanden das ganz toll. immer wieder fiel der satz: das laufen tut so gut. da habe ich natürlich den halben samstag fleißig an dich gedacht.

als wir wieder im heim waren, waren wir fix und fertig - aber sehr stolz. noch beim abendessen erzählten wir von unserem ausflug und die kinder bedankten sich dafür. das machen wir mal wieder, waren sich alle einig. ich war ganz begeistert und konnte meinen dienst mit einem sehr harmonischen gefühl verlassen. und das muss ich jetzt unbedingt mit dir teilen!!!

bald ist nun auch deine wanderung zu ende und ich freue mich sehr, wenn du wieder da bist und wir neue ideen auf die beine stellen!

eine schöne zeit wünsche ich dir noch,

nadine“

Zuletzt geändert am 20.08.2017 23:10 Uhr