Zweite Etappe


Sonntag, den 17.06.2012

Deutschland ist weiter. Mit dem 2:1 sind die Deutschen im Viertelfinale. Heute konnte ich mir das erste Mal in der EM das Spiel anschauen. Die Stimmung in Tettau war super und das Siel spannend. Heute war ausschlafen dran. Ich habe gemerkt, wie müde ich war und dringend die Stunde mehr Schlaf, benötigt hatte. Gestern sind haben wir die 20 km Marke überschritten. Ich merke, dass ich mich jetzt eingelaufen habe. Wo ich mich sonst ab km 15 geschleppt hatte bin ich locker geblieben. Das hat mich beruhigt. Auch meine Blase am Fuß ist verheilt, dank Spitzwegerich. Maike hatte sich gestern mit ihren 12 Jahren tapfer geschlagen. Ihre Leichtigkeit machte mir Mut für die Kindergruppe, die in vier Wochen mitlaufen wird. Ich bin zuversichtlich, dass auch die 7jährigen die maximalen 15km schaffen werden.

Noch heute hatte ich die Bilder der Künstlerin, Helga Depping aus Tettau vor Augen. Tettauer Ikonen nennt sie selbst ihre Bilder. Sie lud uns zu Ihrer Ausstellung im Hasenstall ein. Ihre lebendige Ausstrahlung, die langen schlohweißen Haare und die strahlenden Augen machte die Führung durch das kleine Holzhaus zu einem besonderen Erlebnis. Sie berichtet über die Entstehung ihrer Galerie und der Gemälde. Farbenprächtige und kontemplative Bilder hinterließen eine nachhaltige Stimmung bei allen von uns. Sie bezeichnet ihre Bilder als einen modernen Grenzgang zwischen westlicher und östlicher Spiritualität. Ihre Inspiration holt sie unter anderem aus dem Tettauer Gottesdienst vom Pfarrer Zech.

Auch wir hatten heute die Einladung beim Gottesdienst mit dabei zu sein. Im Mittelpunkt der Predigt stand das Pilgern. Der Pfarrer wies uns darauf hin, dass Pilgerer mit ihrem Weg eine Verantwortung übernehmen. Es gilt einen Weg nach innen zu finden und damit einen Zugang zur Göttlichkeit. Es geht nicht nur um das Nehmen sondern auch um das Geben. Das Geschenk an die Mitmenschen besteht darin, die Erkenntnisse an andere weiterzugeben, um die Spiritualität in der Welt zu stärken.

Harald trug mit seinem Orgelspiel und wir mit einem Lied zum Gottesdienst bei.

Während für die anderen der Gruppe den Nachmittag über freie Mußestunden zur Verfügung standen, bereitete ich mich auf den Vortrag am Abend vor. Wir waren eine kleine Runde und ich habe mich gefreut, dass zahlreiche Beispiele von den TeilnehmerInnen eingebracht wurden, wodurch es zu einem lebendigen und bereichernden Austausch kam.

Zum Schluss möchte ich erwähnen, dass wir auch an diesem Ort fürstlich bewirtet worden sind. Einen großen Dank von uns an alle, die an der Vor-und Zubereitung all der Köstlichkeiten mitgewirkt haben.


Montag, den 18.06.2012

Heute haben wir erneut unsere Rucksäcke gepackt. Es war spannend zu bemerken, dass allein ein Ruhetag bewirkt, dass ch viele meiner Habseligkeiten ausgepackt und verteilt habe in den von uns genutzten Räumen. Allein dadurch habe ich eine Stunde länger als bisher meine Sachen zusammengesucht, und verstaut.

Ab heute ist mein Auto Begleitfahrzeug. Ich war sehr erleichtert, dass alle Lebensmittel, Kochutensilien und zusätzlich noch die Schlafsäcke und Isomatten darin Platz gefunden haben. Und so konnten wir in die zweite Wanderwoche mit leichtem Gepäck starten.

Unser Weg führte uns heute von Tettau nach Pressig. Ca. 18 km war die heutige Etappe. Es war eine wunderschöne Strecke, die uns durch ein Tal führte immer an der Tettau entlang bis nach Heinersdorf. Die Natur war voll von Sommerdüften. Die Grillen zirpten im hohen Gras und eine unglaubliche Leichtigkeit hatte mich heute erfasst. Besonders die Streckenabschnitte durch den Wald begleitet von Vogelgezwitscher waren erholsam und beruhigend. Ich habe mich eingelaufen. Meine Füße trugen mich heute mit Kraft. Es machte richtig Spaß, zu gehen.

Heute hatten wir uns auf die Lochplatten gefreut. Wir hatten angenommen, wenn wir aus Tettau raus sind und in Schönburg ankommen, dann finden wir den Kolonnenweg. Doch bis auf zwei Platten, die wir kurz vor Heinersdorf entdeckten, war nichts zu finden. Doch die zwei Platten gaben uns die Gewissheit, dass wir den Kolonnenweg gefolgt sind, nur dass die Platten nicht mehr zu erkennen waren.

Ohne die Lochplatten kommt mir das Laufen wie ein Wandern vor. Der direkte Kontakt mit dem Grenzweg bringt eine andere Energie mit sich. Die Gedanken sind dann viel bei diesem Thema. Ich kann mich dem dann kaum entziehen.

Berührung mit der Grenze hatten wir in Heinersdorf. Es gibt dort einen kleinen Abschnitt der alten Sperrmauer, die als Erinnerung belassen wurde. Ein Alteingesessener hat uns von seinen Leben an der Grenze und mit der Grenze berichtet. Er war damals fünf als die Grenze 1951 noch passierbar, jedoch mit Kontrollen zu rechnen war. Er sprach von 100-150 Menschen die durch die russischen Kontrolleure erschossen wurden. Es entstand Angst durch die Unberechenbarkeit und Willkür. Dieses Gefühl blieb für die nächsten Jahrzehnte und war ein Teil des Lebens der Menschen im Sperrgebiet. Doch die Menschen wollten bleiben. Sie hatten ihr Haus, die Familie und Freunde. Sie wollten nicht weg und haben sich arrangiert. Sie ahnten, dass sie ausspioniert wurden. Das alles genau aufgeschrieben und dokumentiert wurde. Die Detailgenauigkeit wurde mir gestern bewusst, als Herr Eckard darüber berichtet hat. Er sagte: „Jedes Detail meines Lebens war wiederzufinden. Ich kannte es ja und trotzdem war ich schockiert.“ Er selber hat seine über ihn angelegte Akte begonnen zu lesen, jedoch schnell für sich erkannt, dass es nur Feindschaft und Misstrauen sät. „Ich habe aufgehört zu lesen; das zieht einen ja runter, wie einen Strudel.“ Was wenn einer seiner besten Freunde oder ein Nachbar zu den informellen Mitarbeitern im Dorf gehört hätten? Wie sollte er sich dann ihnen gegenüber verhalten?


Dienstag, den 19.06.2012

Gestern war ich fit und fühlte mich stark. Heute schlich ich über die Wege. Bei 30 Grad im Schatten ist der Schritt schwer und bedächtig. Jeder kleine und größere Berg bringt uns zum Schwitzen. Wir sind im Moment zu fünft unterwegs. Die Gruppe tut mir sehr gut. Ich kann etwas entspannen. Dankbar bin ich über die kürzere Strecke. Doch der Kolonnenweg ist nicht leicht zu finden. Wir drehen so manche Runde im Wald und gehen nach Gefühl und Sonnenstand. Der Waldweg ist wunderbar. Der Schatten und die Kühle von den Bäumen sind genau das richtige. Zudem singen die Vögel und der Wald duftet nach Sommer. Auf einer Lichtung machen wir im Schatten eine gemütliche Pause. Die Langsamkeit ist nicht nur der Hitze und der Müdigkeit zu verdanken, sondern auch der Zeit, die wir heute haben.

Bei Neuhaus-Schierschnitz treffen wir auf das Grüne Band. Endlich wieder die Platten. Freude ist in mir und ein Aufatmen. Durch das Vertraute entsteht Beruhigung und Sicherheit. Ist schon merkwürdig. Heute konnten wir auch die Steigung und das Gefälle des Grenzweges erleben. Zahlreiche Walderdbeeren versüßten den Weg und unsere Laune. Der Kolonnenweg führte uns zu einer kleinen Friedenskapelle bei Burggrub.

Willi Bischof wartete dort auf uns. Er war früher bayrischer Grenzpolizist und er war Zeuge als die Grenze geöffnet wurde. Zwei Offiziere der Grenztruppe der DDR kamen in einem Jeep an die Grenze gefahren und einer davon winkte Herrn Bischof herbei. Er teilte ihm mit, dass ab morgen der Bau eines offenen Grenzüberganges zwischen Burggrub und Neuhaus-Schierschnitz begonnen wird. Für Willi Bischof war es ein historischer Moment. Die Russen hätten noch lange die Grenze gehalten, wenn es Gorbatschow nicht gegeben hätte, davon ist er überzeugt. Willi Bischof meinte, dass wir dankbar sein können für die friedliche Wiedervereinigung. Und wir haben kein Recht uns über den Osten zu erheben. Bei der ersten Reisewelle der Ostdeutschen über die Grenze weinte er bitterlich. Aus Dankbarkeit für die friedliche Wiedervereinigung beteiligte er sich mit anderen aktiv an der Entstehung einer Grenz- und Friedenskapelle. Seine Schilderungen haben mich tief ergriffen und ich weinte still mit. Vor allem seine geschilderten Freudentränen über die Vereinigung und die Erleichterung über den friedlichen Ausgang haben mich an meine eigene Freude erinnert und an die Hoffnung, die ich damit verband, dass Menschen füreinander einstehen.

In der Kapelle beginnt Harald zu singen und ich steige mit ein: „Friede sei mit Dir und Friede sei mit mir, Friede mit uns allen und mit der ganzen Welt.“

Ganz bewegt gehen wir weiter. Der Ortsname Burggrub ist ein Palindrom. Vorwärts wie rückwärtsgesprochen das gleiche Wort. Fasziniert darüber lege ich den letzten Kilometer zurück. An der Kirche angekommen, werden wir schon mit Kaffee und Kuchen erwartet. Es ist so schön, willkommen geheißen zu werden.

Am Abend treffen wir uns wie gewöhnlich zu einer gemeinsamen Austauschrunde. Wir lassen den Tag noch einmal Revue passieren und sprechen aus, was uns besonders bewegt hat. Es ist eine hilfreiche Möglichkeit in Kontakt mit seinen Bedürfnissen zu kommen, um festzustellen, welche sich erfüllt haben und welche nicht. Mit Unterstützung der Gruppe wird ein Raum bereitgestellt, der Vertrauen schafft sich zu öffnen und einander zuzuhören. Ich habe es als ein großes Geschenk erlebt, mich mitteilen zu können, mit dem was mich bewegt - ohne dass dies kommentiert wird oder Ratschläge folgen. Ich kann mit meinen inneren Dingen einfach da sein und alles ist in Ordnung.


Mittwoch, den 20.06.2012

Heute sind wir kurz nach neun Uhr gemütlich von Burggrub gestartet. Keine 2,5km später haben wir die erste Rast gemacht. Ein Teich mit einer Bank davor lud uns zum Verweilen ein. Rotheul, ein kleiner Ort mit zahlreichen Wustungen. Dies sind Gehöfte die zum Ort gehören, sich jedoch weit über ein Gebiet verteilen. Rotheul lag im 500 Meter Sperrbezirk und um die einzelnen Wustungen zu besuchen, brauchte man einen Passierschein. Die Informationen bekamen wir von einer Frau - über den Gartenzaun. Sie ist in dem Ort geboren, aufgewachsen und hat 30 Jahre im Ort für die Grenzsoldaten gekocht.

Weiter ging es dann auf dem ehemaligen Grenzstreifen. Regen überraschte uns. Eingehüllt und schwitzend zogen wir in der hohen Luftfeuchtigkeit weiter. Selbst nach dem Regen hatten wir die Wahl, zwischen nass von innen unter dem Regenschutz oder sich den Mücken zum Fraß vorwerfen.

Mich tröstete allein die heutige kurze Strecke: Mücken, Schwitzen und Regen in Kombination gehören nicht zu meinen Vorlieben. Ich malte mir schon aus, was ich alles schaffen wollte, wenn ich in Mupperg am frühen Nachmittag ankommen würde. Die kurze Strecke erwies sich als Irrtum. Wir wollten den Weg abkürzen und verließen den Kolonnenweg. Petra lief als einzige dort weiter. Doch statt wie gehofft früher anzukommen, begrüßte uns Petra mit einem strahlendem Lächeln. Glückselig über die erlebte Blumenvielfalt. Wir dagegen hatten Schuhe und Hosen voller Schlamm zu bieten.

Es blieb kein Raum für langes Bedauern. Die Mitglieder der Kirchengemeinde erwarteten uns mit Kaffee, Kuchen und Kirchenführung. Die Barockkirche von Mupperg ist wunderschön. Die Kirche ist ausgestattet mit farbenprächtigen Deckengemälden. Das Besondere sind die dreistöckigen Emporen aus Holz, die gleichfalls mit barocken Bildern und Schrift geschmückt sind. Mich hat besonders begeistert, dass die Erneuerung aufgrund von Eigeninitiativen in Form von Spenden durch einzelne Mitglieder möglich geworden ist.

Dann haben wir noch Informationen bekommen über das geschleifte Dorf Liebenau. Es war schmerzlich, die Geschichte von der Zerstörung des Dorfes zu hören. Das Dorf wurde, nach dem die Einheimischen fast geschlossen sich entschieden hatten sich nach Bayern abzusetzen, mit neuen Dorfbewohnern "bestückt". Doch Städter ließen sich nicht einfach so zu Bauern umfunktionieren. Erneut flohen viele der neuen Dorfbewohner über die Grenze. Mit sozialistisch getreuen Bürgern, sollte es ausgebaut und als Vorzeigeobjekt für den Westen zurecht gemacht werden. Doch die investierten Gelder waren horrent und kurz danach wurde beschlossen, dass Dorf zu "schleifen" und dem Erdboden gleich zu machen. Jetzt steht ein Gedenkstein an dieser Stelle und erinnert an die erlebten Schicksale.

Am Kaffee- und dann später am Abendbrottisch kam ein reger Austausch über Gott und die Welt zustande. "Glaubensgeplauder" nannten es die Gemeindemitglieder. Wir unterhielten uns über die christlichen Werte und über das menschliche Miteinander. Sie zeigten großes Interesse an unserem Wandervorhaben und waren offen für die Thematik Gewaltfreie Kommunikation.

„Das war praktizierte christliche Nächstenliebe“ resümierte ein Teilnehmer am Abend das von ihm erlebte Miteinander. Eine andere Teilnehmerin meinte dazu: „die natürliche Herzlichkeit und die Unvoreingenommenheit in der Begegnung haben mich beeindruckt. Zu dem die Selbstverständlichkeit mit der uns Unterstützung geschenkt wurde.“ Viele Hände, die Essen gerichtet haben, Tisch gedeckt, Matratzen besorgt, Wäsche gewaschen und noch vieles mehr.


Donnerstag, den 21.06.2012

Verstärkt durch Gerlinde und Walter aus Mupperg, brachen wir heute in Richtung Effelder auf. Wie hilfreich es ist eine wegkundige Begleitung zu haben, zeigte sich das erste Mal am Ortsausgang. Es wäre sonst der erste Moment gewesen, bei dem wir über die Karte gebeugt gestanden und philosophiert hätten, wo der Kolonnenweg wohl zu finden sei. So vertrauten wir uns unbeschwert der ortskundigen Führung an und bekamen dabei noch interessante Einblicke in die Geschichte von Mupperg, der Grenze und der umgebenden Landschaft.

Ich lief den größten Teil bis Sonneberg neben Gerlinde. Sie erzählte mir das Mupperg aus dem keltischen kommt - abgeleitet von Muck, dem Schwein. Die Kelten hielten damals Schweine. Die Schweine suchten sich ihr Futter auf einem Berg, mit vielen Eichenbäumen, daher wurde der Berg Muckberg (Schweineberg) genannt. Und das Dorf bekam den Namen Muckdorf. Der Name des Berges wandelte sich über die Jahre zu „Muppberg“ und der Name des Dorfes zu „Mupperg“.

Gerlinde teilte mit mir auch die Geschichte ihrer ersten Fahrt über die Grenze. Aus dem Westen kommend fuhr sie in Richtung Heimatdorf. Mit ihr saßen im Auto noch ihr Vater und ihr Mann Walter. Sie kamen von Bekannten. Während sie das Auto lenkte, weinte sie die meiste Zeit über. Denn in der mondhellen Nacht, sah sie die Kirche von Mupperg aus einer bisher unbekannten Perspektive.

Ihre Geschichte regte mich an darüber nachzusinnen, woher die übergroße Freude und die Tränen herrührten, nach dem die Grenze geöffnet wurde. Eine plausible Erklärung fand ich darin, dass das Thema Grenze und die Bedrohung durch den Kalten Krieg von einer andauernden, unterschwelligen Angst und Anspannung begleitet wurden. Zudem die Sorge darüber, wie die Situation des Aufbegehrens im Osten ausgehen wird. Dann die Erleichterung über eine gelungene friedliche Wiedervereinigung. Freude über etwas, was man kaum zu hoffen gewagt hatte. Eine erfüllte Sehnsucht, dass etwas zusammen geführt wird, was als zusammengehörig wahrgenommen wurde.

Viele Menschen, von denen wir erfuhren, waren so froh über die Zusammenführung der beiden getrennten Teile Deutschlands. Zum Beispiel auch Helmuth, ehemaliger Oberbürgermeister von Neustadt bei Coburg. Als Zeichen seiner Dankbarkeit für die friedliche Wiedervereinigung lief Helmuth Jahr für Jahr jeden Monat ein Mal zu Fuß von Neustadt nach Sonneberg. Solche Gesten beeindrucken mich sehr. Gerade in der Konstanz und in der Ausdauer, kann ich deren Dankbarkeit als authentisch anerkennen und daran glauben. Es erscheint mir nicht nur eine einfache Worthülse zu sein, die leichtfertig genutzt wird. Es unterstützt mich als „Ossi“, dass ich mich willkommen, anerkannt und gewertschätzt erlebe. Ich merke, dass ich diese Geschichten noch heute suche und brauche. Gerade das Klagen und Stöhnen über die entstandenen Schwierigkeiten, die mit der Wiedervereinigung eingetreten sind, haben mich lange Zeit verunsichert. Ich interpretierte schnell, dass wir Menschen aus dem Osten gar nicht erwünscht sind. Und diese Gedanken und Interpretationen, die ich selber blitzschnell aufgrund meiner eigenen Lebensgeschichte kreierte, führten dazu, dass ich mich eher zurückzog und mich nur sehr zögerlich auf die Menschen aus den alten Bundesländern eingelassen habe. Hilfreich waren für mich die zahlreichen intensiven Begegnungen, in denen sich meine Vorurteile kaum bestätigten. Und wenn doch, dann hat mich die aus der Gewaltfreien Kommunikation erworbene Fähigkeit unterstützt, hinter den Klagen nach den Bedürfnissen des Anderen zu suchen.


Freitag, den 22.06.2012

Seelig habe ich heute Nacht geschlafen. Ein eigenes Zimmer, ein eigenes Bett mit Matratze. Luxus pur. Und dann heute morgen die Dusche - was für eine Wohltat. Gestern haben wir unser Quartier zurück gegeben. Es war eine alte Schule. Wir hätten im Speisesaal genächtigt. Nur entsprach dieser so gar nicht unseren hygienischen Mindestansprüchen. Auch die Schulküche war keinesfalls ein Ort, an dem uns unser Essen geschmeckt hätte. Wir haben beschlossen diese Unterkunft nicht zu nehmen, auch wenn wir noch keine neue Bleibe hatten.

Dankbar waren wir, dass wir den schon gezahlten Preis für die angemieteten Räumlichkeiten zurück bekommen haben. Doch ein Wermutstropfen blieb. Wir haben eine Station nicht erlaufen. Das war der Preis für unsere Entscheidung. In Eisfeld haben wir Herberge gefunden. Da dies die nächste Anlaufstelle war, blieben wir hier zwei Nächte. Maria und Harald haben einen gemütlichen Bürotag gemacht. Ich habe mich zusammen mit meinem Kollegen Olaf Hartke und meiner Chefin vom Kinder- und Jugendheim Ranis in Hildburghausen im Jugendamt getroffen. Dort haben wir den Sozialarbeitern das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation vorgestellt und von unseren Erfahrungen in der Arbeit berichtet. Ich hatte den Eindruck, dass die Mitarbeiter vom Jugendamt begeistert waren und darin einen Gewinn für ihre Arbeit erkannten. Gestern hatten wir den gleichen Vortrag im Jugendamt in Sonneberg gehalten. Dort hatten wir ähnliche Rückmeldungen erhalten. Ein Vertreter der Polizei war auch gekommen. Da gab es eine kuriose Geschichte dazu. Das Ehepaar aus Mupperg hat auf dem Wanderweg eine Bekannte getroffen, die bei der Polizei arbeitet. Gerlinde hat ihr von dem Gemeindeabend mit uns berichtet und davon geschwärmt, wie toll doch das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation wäre. Sie meinte zu ihrer Bekannten: „Das wäre auch etwas für deinen Arbeitsbereich. Kannst Du nicht mal dort anrufen?“ Daraufhin erfolgte ein Gespräch mit Herrn Höff, stellvertretender Leiter der polizeilichen Dienststelle in Sonneberg. Dieser kam dann persönlich vorbei.


Samstag, den 23.06.2012

Die Landschaft beschenkte mich heute mit ganz besonderen Eindrücken. Wir haben 20 km zurückgelegt und sind von Eisfeld nach Bad Rodach gelaufen. Eingetaucht in ein sanft hügeliges und geschwungenes Land, zwischen hohem Gras und Getreidefeldern eingebettet, lag der Kolonnenweg.

Am Feldrain wuchsen Mohn und wilde, duftende Kamille. In den Lochplatten, waren hin und wieder süße, rote Walderdbeeren zu finden. Birken und Buschreihen, die in dem KFZ-Sperrgraben ihr Anwesen fanden, flankierten auf der linken Seite unseren Weg. Die lichten und hellen Mischwälder waren von der Sonne durchflutet. Atemberaubende Aussichten in das Land waren uns Wanderern möglich. Dabei konnte der Blick weit streifen und umschwang die Hügel, ohne von ihnen aufgehalten zu werden. Die vereinzelten Dörfer passten sich in diese Harmonie ein. Es war ein Streckenabschnitt, der für mich einen wilden Charme hatte und mein Herz vor Dankbarkeit ganz weit werden ließ.

Beinahe ausgelassen und beschwingt zogen wir. Auf die Frage, wo es denn hingeht, antworteten wir oft: „Nach Travemünde.“ Und wenn wir Menschen auf den einsamen Wegen trafen, dann schmunzelten wir über unsere Idee, sie einfach mal zu fragen: „Hallo, wo bitte geht es von hier nach Priwall an der Ostsee?“

Die kindliche Freude verließ uns den ganzen Weg nicht. Harald lief Barfuß, kletterte in Bäume, ich trug Federn im Haar, sprang wie ein kleines Mädchen auf den Feldwegen und wir hängten uns Kirschen an die Ohren.

Der Kolonnenweg verschwand hinter Hetschbach im Birkenwäldchen. Die Steine konnten wir nur noch erahnen. Sie waren versteckt unter Gras und Laub. Teilweise umgeben von Brennnesseln und hohem Gras. Gefährlich auch, wie uns Haralds Sturz deutlich werden ließ durch die von den Wurzeln unterschiedlich angehobenen Platten, die bestmöglichste Stolperfallen für uns bereithielten.

Begleitet haben uns auf dem Weg zahlreiche Lebensgeschichten von Menschen, denen wir begegnet sind. Angefangen mit Frau Schmiedl, die Hausverwalterin der Jugendbegnungsstätte, wo wir in Eisfeld für zwei Tage Quartier bekommen haben. Ganz besonders berührt war ich immer wieder, dass wir Menschen getroffen hatten, die gerade an entscheidenden Wegkreuzungen für uns bereitstanden, um uns bei der Wegsuche behilflich zu sein. Oft kamen wir ins Gespräch und erfuhren Teile aus ihrem Leben, das wir nun auf unserem Weg mitnahmen. An einer Waldkreuzung trafen wir z.B. einen Mann aus Harras. Er sammelte Rinde, um diese zu trocknen und dann zerbröselt unter seine Himbeeren zu legen. „Der Rindenmulch aus dem Baumarkt verrottet zu schnell und dann sprießt das Unkraut umso mehr hervor. Wenn ich dieses grobe Rindenmaterial aus dem Wald hole und aufschichte, dann habe ich bis an mein Lebensende Ruh.“ Erstaunt fragten wir, wie alt er sei. „Lasst Euch da mal nicht täuschen. Ich bin 80. Jeden Tag bin ich draußen und laufe meine 10km. Vorrübergehend bin ich jetzt mit dem Fahrrad unterwegs, da mein rechtes Bein nicht so mitmacht.“ Auf Olafs Frage, ob es denn noch jemanden gibt, der seine Arbeit wertschätzt, antwortet er: „Ja, ja mein Frau zu Hause. Die Kinder sind ja weit verstreut. Die eine wohnt 460 km entfernt und der Sohn ist in der Schweiz. Sie haben ihr Auskommen und wir sind froh darüber. Aber ja, man sieht sie halt nur selten im Jahr.“

In Bad Rodach kommen wir müde in der evangelisch-lutherischen Pfarrgemeinde an. Maria hat für uns und den Pfarrer Rau gekocht. Ein weiteres Pilgermitglied verabschieden wir danach. Jeder Abschied schmerzt mich nach wie vor. Nun sind wir für die nächsten Tage zu dritt.

Zuletzt geändert am 26.06.2012 12:37 Uhr